Von ihrer Schönheit stolz wie Lebende durchdrungen

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Charles Baudelaire: Von ihrer Schönheit stolz wie Lebende durchdrungen Titel entspricht 1. Vers(1844)

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Von ihrer Schönheit stolz wie Lebende durchdrungen,
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Prunkt sie mit Taschentuch, mit Handschuh und mit Strauss;
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In kühner Lässigkeit zeigt sie sich ungezwungen –
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Wie eine magere Kokette sieht sie aus.

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Hat je auf einem Ball man schlankren Wuchs gesehen?
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Du schaust ihr grelles Kleid, an weiten Falten reich,
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Auf einen Knochenfuß in Wellen niedergehen,
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Von buntem Schuh geschmückt, der zieren Blumen gleich.

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Ihr magres Schlüsselbein umschmiegen leichte Spitzen,
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Gleich einem üppgen Bach, der sich am Felsen reibt,
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Und sittsam bergen sie vor possenhaften Witzen
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Den unheilvollen Reiz, der tief verborgen bleibt.

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Die hohlen Augen sind erloschen und verwittert,
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Es nickt der Blumenschmuck vom Schädel grauenvoll,
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Der schwank sich wiegend auf den dünnen Wirbeln zittert –
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O Zauber eines Nichts, das aufgeputzt und toll!

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Gar manche möchten dich ein nächtig Zerrbild nennen,
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Die von der Trunkenheit des Fleisches nur gewußt,
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Die nicht der menschlichen Gebeine Feinheit kennen:
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Du mächtiges Skelett stillst meine höchste Lust!

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Kommst du zu stören mit erschreckender Grimasse
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Das Fest des Lebens, als ob lüsterne Begehr,
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Leichtgläubge, dein Gebein im Grab nicht ruhen lasse,
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Zum wilden Taumeltanz des Freudensabbats her?

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Beim Sang der Geigen, bei der Kerzen lichtem Prangen
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Hoffst zu verscheuchen du der finstren Träume Not?
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Willst du vom wilden Strom der Orgien erlangen,
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Daß er die Hölle kühlt, die dir im Herzen loht?

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Unausgeschöpfter Quell von Wahn und Seltsamkeiten,
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Nach dem der Menschheit Schmerz seit alter Zeit geforscht,
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Ich sehe durchs Gewand, geschürzt an deinen Seiten,
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Die gierge Schlange, die dir das Gebein zermorscht.

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Zwar fürchte wahrlich ich, daß deine Reize scheitern,
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Und daß kein Preis dich krönt, der würdig deiner Mühn;
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Wen dieser Sterblichen wird solcher Spott erheitern?
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Das Graun kann Starke nur mit seiner Lust durchglühn.

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Der Augen Höhlung, drin des Grabes Schauer nachtet,
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Enthaucht den Schwindel, und es wird kein Tänzer sein,
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Der ohne Ekel und Beklemmung je betrachtet
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Das Lächeln, das uns grinst aus deiner Zähne Reihn.

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Doch welches Menschen Arm umfing nicht schon Skelette?
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Wer hat sich nicht genährt vom Graun der Grabeswelt?
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Was kümmert uns Geruch, Gewandung und Toilette!
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Der, der sich ekelt, zeigt, daß er für schön sich hält.

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Du Tänzrin, nasenlos! Sieghafte Dirne! Winke
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Und sprich zur Tänzerschar, die sich erschrocken ziert!
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Ihr Hübschen! Trotz der Kunst des Puders und der Schminke
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Riecht ihr nach Grabesdunst! Skelette parfümiert!

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Ihr Gecken welker Schmach! Ihr Dandys falschen Glanzes
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Grauhaarger Stutzerschwarm! Gefirnißtes Gebein!
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Die Welterschütterung des grimmen Totentanzes
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Reißt euch in dunkles Land, das niemand sah, hinein.

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Am kalten Seinestrand, am Glutgestad des Ganges
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Spreizt tanzend sich die Schar der Menschen und sieht nicht,
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Daß klaffend durchs Gewölb gleichwie ein dunkles, banges
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Sturmwetter, dräuend des Gerichts Posaune bricht.

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In deiner Welt bestaunt der Tod dich allenthalben,
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Wie, sterbliches Geschlecht, er deinen Krampf verlacht,
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Und oft, indem gleich dir er prunkt mit duftgen Salben,
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Eint seinen grimmen Hohn er deines Wahnsinns Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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