Weißt du, mein Herz, noch, was im lichten Morgenscheine

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Charles Baudelaire: Weißt du, mein Herz, noch, was im lichten Morgenscheine Titel entspricht 1. Vers(1844)

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Weißt du, mein Herz, noch, was im lichten Morgenscheine
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Wir jenen Sommertag entdeckt:
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Ein schändlich Aas, nicht weit vom schmalen Wegesraine,
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Auf Kieselsteinen hingestreckt.

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Die Beine in der Luft, wie liederliche Frauen,
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Vom Strome glühnder Gifte voll,
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Ließ es voll Lässigkeit und ohne Scham uns schauen
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Den Leib, dem grauser Stank entquoll.

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Die Sonne strahlte auf die ekle Fäulnis nieder,
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Die ihre Glut zu kochen schien,
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Als gäbe hundertfach sie der Natur das wieder,
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Dem einst sie eine Form verliehn.

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Der Himmel schaute nach dem wundersamen Aase,
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Wie es sich blütengleich erschloß,
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So fürchterlich war der Geruch, daß auf dem Grase
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Fast eine Ohnmacht dich umfloß.

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Die Fliegen summten um die modernden Atome,
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Indes gedrängt und schauerlich
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Der Larven ekle Schar, in schwerem, schwarzem Strome
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Durch die lebendgen Fetzen schlich.

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Das alles senkte sich und knisterte verquellend
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Und stieg, wie sich die Woge hebt,
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Man meinte beinah, daß von fremdem Hauche schwellend
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Der Leib vervielfacht aufgelebt.

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Und dieser Welt entrann ein Tönen, seltsam klingend,
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Wie Wind und Wasser es erregt,
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Gleichwie von Körnern, die der Landmann rhythmisch schwingend
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Im Siebe schüttelt und bewegt.

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Die Form verwischte sich zu einem Traum, der fahler
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Als eine flüchtge Skizze war,
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Die auf vergeßnem Blatt ergänzt wird, die dem Maler
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Aus der Erinnrung sich gebar.

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Und eine Hündin sah aus felsigem Geklippe
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Unruhig, mit erzürntem Blick,
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Nur die Gelegenheit erspähend, vom Gerippe
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Zu reißen sich ein neues Stück.

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Und dennoch wirst du gleich der eklen Fäulnis werden,
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Ganz so zerstört und grauenhaft,
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Du meiner Augen Stern, du Sonne mir auf Erden,
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Mein Engel, meine Leidenschaft!

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So wirst du aussehn, wann, o Kön'gin holder Güte,
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Du nach der letzten Ölung gehst
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Dorthin, wo unter üppgem Kraut und reicher Blüte
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Bei den Gerippen du verwest.

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Dann, meine Schöne, sprich zum Wurm, der dich erlesen
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Und dem dein Leib zum Küssen lieb,
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Daß prangende Gestalt und unvergänglich Wesen
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Mir von entstellter Liebe blieb!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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