Durchwachte Nacht

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Annette von Droste-Hülshoff: Durchwachte Nacht (1822)

1
Wie sank die Sonne glüh und schwer!
2
Und aus versengter Welle dann
3
Wie wirbelte der Nebel Heer,
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Die sternenlose Nacht heran!
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– Ich höre ferne Schritte gehn, –
6
Die Uhr schlägt zehn.

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Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
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Der Schlafgemächer letzte Türen knarren,
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Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt
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Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,
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Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
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Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
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Sein müdes Schnauben, bis, vom Mohn getränkt,
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Es schlaff die regungslose Flanke senkt.

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Betäubend gleitet Fliederhauch
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Durch meines Fensters offnen Spalt,
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Und an der Scheibe grauem Rauch
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Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
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Matt bin ich, matt wie die Natur! –
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Elf schlägt die Uhr.

21
O wunderliches Schlummerwachen, bist
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Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? –
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's ist eine Nacht vom Taue wach geküßt,
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Das Dunkel fühl' ich kühl wie feinen Regen
25
An meine Wange gleiten, das Gerüst
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Des Vorhangs, scheint sich schaukelnd zu bewegen,
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Und dort das Wappen an der Decke Gips,
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Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.

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Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
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Am Söller geht Geknister um,
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Im Pulte raschelt es und ruckt
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Als drehe sich der Schlüssel um,
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Und – horch! der Seiger hat gewacht,
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's ist Mitternacht.

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War das ein Geisterlaut? so schwach und leicht
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Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
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Und wieder, wie verhaltnes Weinen, steigt
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Ein langer Klageton aus den Syringen,
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Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
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Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen;
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O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
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Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.

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Da kollert's nieder vom Gestein!
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Des Turmes morsche Trümmer fällt,
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Das Käuzlein knackt und hustet drein.
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Ein jäher Windesodem schwellt
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Gezweig und Kronenschmuck des Hains;
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– Die Uhr schlägt eins –

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Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
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Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
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Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
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Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle,
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An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
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Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
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Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
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Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.

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Jetzt möcht' ich schlafen, schlafen gleich,
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Entschlafen unterm Mondeshauch,
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Umspielt vom flüsternden Gezweig,
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Im Blute Funken, Funk' im Strauch,
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Und mir im Ohre Melodei;
62
– Die Uhr schlägt zwei. –

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Und immer heller wird der süße Klang,
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Das liebe Lachen, es beginnt zu ziehen,
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Gleich Bildern von Daguerre, die Deck' entlang,
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Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
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Mir ist als seh ich lichter Locken Hang,
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Gleich Feuerwürmern seh ich Augen glühen,
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Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
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Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.

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Es sieht empor, so froh gespannt,
72
Die Seele strömend aus dem Blick,
73
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
74
Nun zieht es lachend sie zurück,
75
Und – horch! des Hahnes erster Schrei!
76
– Die Uhr schlägt drei. –

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Wie bin ich aufgeschreckt – o süßes Bild
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Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
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Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
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Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
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Verrostet steht des Mondes Silberschild,
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Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
83
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
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Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.

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Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
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Wie trunken, in des Hofes Rund,
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Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
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Auf seiner Streue rückt der Hund,
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Und langsam knarrt des Stalles Tür,
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– Die Uhr schlägt vier –
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Da flammt's im Osten auf – o Morgenglut!
92
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
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Strömt Wald und Heide vor Gcsangesflut,
94
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
95
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
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Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
97
Und wie ein Gletscher, sinkt der Träume Land
98
Zerrinnend in des Horizontes Brand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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