Als der Herr in Sidons Land gekommen

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Annette von Droste-Hülshoff: Als der Herr in Sidons Land gekommen (1822)

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Als der Herr in Sidons Land gekommen,
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Naht ein kananäisch Weiblein sich.
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»herr!« spricht sie in Demut und in Frommen,
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»herr! erbarme meiner Tochter dich.
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Sieh, sie liegt daheim in großen Peinen,
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Denn es wohnt in ihr ein böser Geist.«
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Und voll Trauer hebt sie an zu weinen,
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Als der Herr sie strenge von sich weist.

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Doch sie schaut in seiner Augen Prachten,
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Und ihr treues Herz bleibt ungeschreckt,
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Einem Hündlein gleich will sie sich achten,
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Das die Krümlein von der Erde leckt,
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Ihre Demut hat sich durchgerungen:
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»weib, dein Glaub' hat dir geholfen,« spricht
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Jesu süße Stimme, und bezwungen
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Weicht der finstre Geist dem Gnadenlicht.

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Kann nur Demut uns den Segen bringen,
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Und ich schnöder Wurm der Sterblichkeit
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Meine noch, es müsse mir gelingen,
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Da ich von der Demut noch so weit?
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Hab' ich nur ein kleines Leid getragen,
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Einen Heller meiner großen Schuld,
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Fühl' ich schon ein leises Wohlbehagen
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Über meine Stärke und Geduld.

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Seele mein, hast du denn ganz vergessen
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Deiner Sünden, dunkel wie die Nacht,
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Hast den Quell im Sande stolz gemessen,
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Und der weiten Wüste nicht gedacht?
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Ach, wie täuschte dich die Eigenliebe
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Über dein Beginnen sonder Treu,
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Eine Mücke fängst du auf im Siebe,
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Das Kamel verschlingst du sonder Scheu.

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Denkst wohl gar Verdienste zu gewinnen,
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Wähnst um dich der Siegespalmen Grün,
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Ach, was du auch immer magst beginnen,
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Deiner Kräfte äußerstes Bemühn,
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Könntest tausend Jahr dem Herrn du dienen,
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In Zerknirschung büßend fort und fort,
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Deine Frevel kannst du nimmer sühnen,
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Gnade bleibt dein einz'ges Hoffnungswort.

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Und wie wenig hast du nicht gelitten
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In der Reue bittrer Läutrungsglut,
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Und wie lau und schwächlich nicht gestritten
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Gegen deiner innern Feinde Wut!
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Kannst du eine Viertelstunde nennen,
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Wo du ganz und gar dem Herrn gehört,
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Keine Wünsche dich von Jesu trennen,
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Kein Gedanke dein Gebet gestört?

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Ach, mit jedem meiner Seufzer treten
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Neue Sünden vor dein Angesicht.
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Herr, ich bin nicht wert, zu dir zu beten,
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Schone mein, du starker Gott im Licht.
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O! mich faßt ein ungeheurer Schrecken,
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Daß ich so vermessen mich erkühnt,
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Weh, mein ganzes Leben ist ein Flecken,
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Jede Stunde hat den Tod verdient.

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Dennoch, dennoch darfst du nicht verzagen,
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Nicht in deines tiefsten Elends Drang,
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Mußt die Schmerzen grimm, die in dir nagen,
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Fesseln mit der Hoffnung süßem Zwang.
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Jesus will es, und du mußt vollbringen,
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Ob dich seine Milde fast zerdrückt,
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Darfst nicht trotzend in Verzweiflung ringen,
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Wie der eigne Wille dich berückt.

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Wie der Pharus an dem Seegestade
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Frieden leuchtet durch der Stürme Wut,
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Strahlt so mildiglich das Kreuz der Gnade,
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Drum nur Mut, bedrängte Seele, Mut!
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Halte fest in Demut und Vertrauen
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Seele mein, mit deiner ganzen Macht,
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Siehe, wie fünf rote Sonnen schauen
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Jesu Wunden durch die wüste Nacht.

73
Und wie einst die Arche trug das Leben
74
Durch der Sünde allgemeinen Tod,
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Wird das süße Kreuz mich rettend heben,
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Wenn entsetzlich das Verderben droht.
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Ja, ich will auf Jesu Worte bauen,
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Seh ich gleich nicht ihn, und nur die Nacht,
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Fest nur, fest in Demut und Vertrauen,
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Seele mein, mit deiner ganzen Macht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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