Am Sonntage nach Weihnachten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am Sonntage nach Weihnachten (1822)

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An Jahren reif und an Geschicke
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Blieb ich ein Kind vor Gottes Augen,
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Ein schlimmes Kind, voll schwacher Tücke,
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Die selber mir zu schaden taugen.
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Nicht hat Erfahrung mich bereichert;
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Wüst ist mein Kopf, der Busen leer;
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Ach! keine Frucht hab' ich gespeichert
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Und schau auch keine Saaten mehr!

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Ging so die teure Zeit verloren,
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Die über Hoffen zugegeben
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Dem Wesen, was noch kaum geboren
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Schon schmerzlich kämpfte um sein Leben!
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Ich, die den Tod seit Jahren fühle
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Sich langsam nagend bis ans Herz,
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Weh mir! ich treibe Kinderspiele,
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Als sei der Sarg ein Mummenscherz.

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In siechen Kindes Haupte dämmert
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Das unverstandne Mißbehagen;
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So wenn der Grabwurm lauter hämmert
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Fühl' bänger ich die Pulse schlagen.
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Dann bricht hervor das matte Stöhnen,
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Der kranke, schmerzgedämpfte Schrei;
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Ich lange mit des Wurmes Dehnen
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Sehnsüchtig nach der Arzenei.

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Doch wenn ein frischer Hauch die welke
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Todsieche Nessel hat berühret:
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Dann hält sie sich wie Ros' und Nelke
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Und meint sich königlich gezieret.
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O Leichtsinn, Leichtsinn sondergleichen
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Als ob kein Seufzer ihn gestört!
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Und doch muß ich vor Gram erbleichen,
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Durch meine Seele ging ein Schwert.

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Wer mußt' so vieles Leid erfahren
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An Körpernot und Seelenleiden
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Und dennoch in so langen Jahren
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Sich von der Welt nicht mochte scheiden?
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Ob er als Frevler sich dem Rade,
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Als Tor geselle sich dem Spott:
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O sei barmherzig ew'ge Gnade,
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Richt' ihn als Toren milder Gott!

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Du hast sein siedend Hirn gebildet,
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Der Nerven rastlos flatternd Spielen
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Nicht von gesundem Blut geschildet;
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Weißt seine dumpfe Angst zu fühlen,
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Wenn er sich windet unter Schlingen,
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Zu mächtig ihm, und doch verhaßt,
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Er gern ein Opfer möchte bringen,
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Wenn es nur seine Hand erfaßt.

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Was Sünde war, du wirst es richten,
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Und meine Strafe muß ich tragen;
51
Und was Verwirrung wirst du schlichten
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Weit gnäd'ger, als ich dürfte sagen.
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Wenn klar das Haupt, die Fäden löser,
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Was dann mein Teil, ich weiß es nicht;
55
Jetzt kann ich stammeln nur: Erlöser!
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Ich gebe mich in dein Gericht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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