Am dritten Sonntage im Advent

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Annette von Droste-Hülshoff: Am dritten Sonntage im Advent (1822)

1
Auf keinen andern wart' ich mehr,
2
Wer soll noch Liebres kommen mir?
3
Wer soll so mild und doch so hehr
4
Mir treten an des Herzens Tür?
5
Wer durch des Fiebers Qual und Brennen
6
So liebreich meinen Namen nennen,
7
Ein Balsamträufeln für und für?

8
Du wußtest es von Ewigkeit,
9
Daß der Gedanken Übermaß,
10
Dem Sinn entzogne Herrlichkeit,
11
Zersprengen müßt' mein Hirn wie Glas;
12
So kamst du niedrig unsersgleichen,
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Wie zu der Armut Fromme schleichen,
14
Sich setzend wo der Bettler saß.

15
Wenn fast zum Schwindeln mich gebracht
16
Der wirbelnden Betrachtung Kreis,
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Dann trittst du aus der Dünste Nacht
18
Und deine Stimme flüstert leis:
19
Hier bin ich, bin ich, woll' mich fassen,
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Dann magst du alles andre lassen;
21
Auf meinem Kreuze hegt der Preis.

22
O Stimme, immer mir bekannt,
23
O Wort, das stets verständlich mir,
24
Du legst mir auf der Liebe Band
25
Und meine Schritte folgen dir!
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In Liebe glaub' ich, liebewund
27
Schieb' ich des Herzens Tür auf, und
28
Geschlossen ist des Grübelns Tür,

29
Gehemmt die Jagd, durch scharfen Stein
30
Und Dornen hetzend meinen Fuß;
31
Ich ruh' in deinem kühlen Hain
32
Und lausche deinem sanften Gruß.
33
Die Blinden sehn, die Kalten glühen
34
Und aus des Irren Haupte ziehen
35
Der dumpfen Schatten Menge muß.

36
Ich folge dir zu Berges Höhn,
37
Wo Leben von den Lippen fließt,
38
Und deine Tränen darf ich sehn,
39
O tausendmal mit Heil gegrüßt,
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Muß in Gethsemane erzittern,
41
Daß Schrecken Gottes Leib erschüttern,
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Blutschweiße Gottes Stirn vergießt.

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Er hat gehorsam bis zum Tod,
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Ja zu des Todes eitlem Graus,
45
Gekostet jede Menschennot
46
Und trank den vollen Becher aus.
47
So richte dich aus Dorn und Höhle,
48
Du meine angstgeknickte Seele,
49
Auch du nur trägst ein irdisch Haus.

50
Laß wanken denn die Trümmer grau
51
Und mische deine Tränen nur
52
Mit deines Heilands blut'gem Tau,
53
Gequälter Sklave der Natur!
54
O, dessen Schweiß den Grund gerötet,
55
Er weiß es, wie ein Seufzer betet,
56
Mein Jesu, meine Hoffnungsau!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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