Am siebenundzwanzigsten Sonntage

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Annette von Droste-Hülshoff: Am siebenundzwanzigsten Sonntage (1822)

1
Tief, tief ein Körnlein schläft in mancher Brust,
2
Doch Herr, du siehst es und du magst es segnen.
3
O schau auf jene die, sich unbewußt,
4
Nicht fühlen deiner Gnadenwolke Regnen,
5
Die um sich steigen lassen deinen Tau;
6
Nachtwandler, dumpf gebannt in Traumes Leben,
7
Umwandeln Turmes Zinne sonder Beben,
8
Nicht zuckend nur mit der geschloßnen Brau'.

9
Ich bin erwacht, ob auch zu tiefer Schmach;
10
So will ich heut nicht an mein Elend denken,
11
Will, ach, das einzige, was ich vermag,
12
Ein zitterndes Gebet den Armen schenken;
13
Ob nur ein kraftlos halbgebrochner Hauch,
14
Der dennoch mag die rechten Wege finden,
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Und muß er sich zu deinem Throne winden
16
Wie sich zum Äther wälzet Nebelrauch.

17
Du Milder, weißt aus allem Erdendunst
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Den warmen Lebensodem wohl zu scheiden,
19
Gerechter du und doch die höchste Gunst,
20
Des Sonne scheinet über Moor und Heiden,
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O kräft'ge deinen Strahl, daß er entglüht
22
Die langverjährte Rinde mag durchdringen;
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Mach des erstarrten Blutes Quellen springen,
24
Auftauen das erfrorne Augenlid.

25
Wie oft sah ich in schier vereistem Grund
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Sich leise noch das Samenkörnlein dehnen,
27
Wie öfters brach aus längst entweihtem Mund
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Ein Schmerzenslaut, der alles kann versöhnen!
29
O, nur wer stand in glüher Wüstenei,
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Der weiß des grünen Blattes Wert zu schätzen,
31
Und wessen Ohr kein Luftzug durfte letzen,
32
Nur der vernimmt den halberstickten Schrei.

33
Mit meinem Schaden hab' ich es gelernt,
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Daß nur der Himmel darf die Sünde wägen,
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O Menschenhand, sie halte sich entfernt,
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Die nur das Leben zählt nach Pulses Schlägen.
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Lebt doch das Samenkorn und atmet nicht,
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Und kann es dennoch einen Stamm enthalten,
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Der herrlich einst die Zweige mag entfalten,
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Wo das Gevögel jubelt unterm Licht.

41
Sei Menschenurteil in Unwissenheit
42
Hart wie ein Stein, du Herr, erkennst das Winden
43
Der Seele, und wie unter Mördern schreit
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Zu dir ein Seufzer, der sich selbst nicht finden
45
Und nennen kann. Kein Feuer brennt so heiß
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Als was sich wühlen muß durch Grund und Steine,
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Von allen Quellen rauschender rinnt keine
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Als die sich hülflos windet unterm Eis.

49
Im Fluch, dem alle schaudern, hörst du noch
50
Den Klageruf an Kraft und Mut gebrochen;
51
In des Verbrechers Wahnsinn trägt sich doch
52
Entgegen dir zerfleischten Herzens Pochen.
53
Das ist das Samenkorn, was wie im Traum
54
Bohrt ängstlich mit den Würzelchen zum Grunde,
55
Und immer trägt es noch den Keim im Munde
56
Und immer schlummert noch in ihm der Baum.

57
Brich ein o Herr! du weißt den rechten Stoß
58
Und weißt, wo schwach vernarbt der Sünde Wunden;
59
Noch liegt in deiner Hand ihr ewig Los,
60
Noch lauert stumm die schrecklichste der Stunden,
61
Wo ihnen deine Hand die Waage reicht
62
Und die Verdammung steht im eignen Herzen,
63
O Jesu Christ gedenk an deine Schmerzen,
64
O rette die aus deinem Blut gezeugt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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