Am sechsundzwanzigsten Sonntage

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Annette von Droste-Hülshoff: Am sechsundzwanzigsten Sonntage (1822)

1
Steht nicht der Greuel der Verwüstung da
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An heil'ger Stätte?
3
Was träumen wir von Dingen, die uns nah,
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Als schliefen sie wie Feuerstoff im Bette
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Des Kohlenschachts? Blickt auf und schaut umher,
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O, die Verödung, wie sie dumpf und schwer
7
Traf Herz an Herz wie mit galvan'scher Kette!

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Gibt's eine Stätte denn, die heiliger
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Als Menschenherzen?
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Gibt es Verwüstung, die entsetzlicher,
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Als wenn das Höchste stirbt an matten Scherzen?
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O Glaube, Glaube, wem du kalt und schwach,
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Der schleppt den Grabstein an der Ferse nach:
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Und dennoch Heil ihm, schleppt er ihn mit Schmerzen!

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Doch wer sein Kleinod als ein Spielgerät
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Sieht lächelnd brechen,
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Und wie aus Gnad' und milder Majestät
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Ein Mitleidswort will ob dem Toren sprechen,
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Dem Toren, der beweint sein Steckenpferd:
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Ja, dem erlosch die Flamm' am heil'gen Herd
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Und seine Nahrung steht in Sumpf und Bächen.

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Kannst du ertragen, daß die Augen schaun,
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Wem sie sich kehren:
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Dorthin dann wende deinen Blick mit Graun,
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Wo wie im Moderschlamm die Massen gären!
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Verlaß den kleinen grünen Fleck, der nur
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Durch Gottes Huld ward zu des Lebens Flur,
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Und sieh, wie sie von deinem Busen zehren!

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O hätt' ich nimmer meinen Fuß gewandt
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Von deiner Erde!
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Wie segn' ich dich mein reiches kleines Land,
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Du frische Weide einer treuen Herde!
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In dir sah ich die Schande nicht vergnügt,
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Nicht hohen Geist an alle Schmach geschmiegt,
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Noch tiefsten Wahnsinns üppige Gebärde.

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Ich bin enttäuscht, und manche Narbe trug
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Ich aus dem Streite.
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Als auch an meine Brust Verwüstung schlug
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Und forderte die halbverfallne Beute,
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Ward ich entrissen ihr durch Gottes Huld:
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Sein ist die Gnade, mein allein die Schuld;
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Und dennoch eine Trümmer steh ich heute!

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Ward ich nicht ganz der öden Stätte gleich,
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Verfluchtem Grunde,
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Wo Salz gestreut auf Stein und Schädel bleich,
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Gibt hier und dort noch eine Säule Kunde
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Vergangner Herrlichkeit: Dank dir mein Land!
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Du hast zu früh gelegt ein frommes Band
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Um meine Seele in der Kindheit Stunde.

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So will ich harren denn, und tiefbedrängt
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Will ich es tragen,
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Daß immer wie zum Sturz die Mauer hängt:
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Noch mögen einst erneut die Zinnen ragen.
54
Es gibt ja eine stark und milde Hand,
55
So aus dem Nichts entflammt den Sonnenbrand;
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Sie hat auch diesen morschen Bau getragen

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Bis heute, wo aus dieser kranken Brust
58
Die Seufzer drangen.
59
O du, dem Wurmes Zucken selbst bewußt,
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Hilf mir und jenen auch, die todumfangen!
61
Sei gnädig, leg an ihr verknorpelt Herz
62
Des Leidens Moxa, daß es lebt in Schmerz;
63
Ach Herr, sie wußten nicht was sie begangen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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