Am Allerseelentage

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Annette von Droste-Hülshoff: Am Allerseelentage (1822)

1
Die Stunde kömmt, wo Tote gehn,
2
Wo längst vermorschte Augen sehn.
3
O Stunde! Stunde! größte aller Stunden,
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Du bist bei mir und läßt mich nicht,
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Ich bin bei dir in strenger Pflicht,
6
Dir atm' ich auf, dir bluten meine Wunden!

7
Entsetzlich bist du, und doch wert,
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Ja meine ganze Seele kehrt
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Zu dir sich, in des Lebens Nacht und Irren
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Mein fest Asyl, mein Herzgeblüt,
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Zu dem die zähe Hoffnung flieht,
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Wenn Angst und Grübeln wie Gespenster irren.

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Wüßt' ich es nicht, daß du gewiß
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In jener Räume Finsternis
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Liegst schlummernd wie ein Embrio verborgen:
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Dann möcht' ich schaudernd mein Gesicht
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Verbergen vor der Sonne Licht,
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Vergehn wie Regenlache vor dem Morgen.

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Verkennung nicht treibt mich zu dir,
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Mild ist die strengste Stimme mir,
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Nimmt meine Heller und gibt Millionen.
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Nein, wo mir Unrecht je geschehn,
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Da ward mir wohl, da fühlt' ich wehn
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Dein leises Atmen durch der Zeit Äonen.

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Doch Liebe, Ehre treibt mich fort
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Zu dir als meinem letzten Port,
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Wo klar mein Grabesinnre wird erscheinen.
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Dann auf der rechten Waage mag
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Sich türmen meine Schuld und Schmach,
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Und zitternd nahn mein Kämpfen und mein Weinen.

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Vor dir ich sollte Trostes bar
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Zergehen wie ein Schatten gar;
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Doch anders ist es ohne mein Verschulden:
34
Zu dir als zu dem höchsten Glück
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Wie unbeweglich starrt der Blick,
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Und kaum, kaum mag die Zögerung ich dulden.

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Doch da sich einmal Hoffnung regt,
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So wird die Hand, die sie gelegt
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In dieses Busens fabelgleichen Boden,
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Sie wird den Keim, der willenlos
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Und keinem Übermut entsproß,
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Nicht wie ein Unkraut aus dem Grunde roden.

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Wenn kömmt die Zeit, wenn niederfällt
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Der Flitter, den gelegt die Welt,
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Talent und Glück, ums hagere Gerippe:
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Da steht der Bettler, schaut ihn an!
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Dann ist die Zeit, um Gnade dann
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Darf zitternd flehen des Verarmten Lippe.

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Dann macht nicht schamrot mich ein Tand,
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Dann hat gestellt die rechte Hand
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Mich tief und ärmlich, wie ich es verdienet,
52
Dann trifft mich wie ein Dolchstoß nicht
53
Hinfort ein Aug' voll Liebeslicht:
54
Ich bin erniedriget und bin gesühnet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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