Am zweiundzwanzigsten Sonntage

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Annette von Droste-Hülshoff: Am zweiundzwanzigsten Sonntage (1822)

1
Der Sonnenstrahl, ein goldner Spieß,
2
Prallt von des Sees kristallnen Flächen
3
Und fahrend gen den Marmorflies
4
Palastes Mauern will durchstechen.
5
Auf seidnen Polstern windet sich,
6
Die magern Ärmchen ringt das Kind;
7
Und eine Träne bitterlich
8
Noch möchte aus dem Auge lind,
9
Dem halberstarrten, brechen.

10
Schon hat der Tod die Hand gelegt
11
Auf seine Beute ohn' Erbarmen;
12
Doch ob er Eis zum Herzen trägt:
13
Noch schmilzt im Blutstrom es, dem warmen.
14
O Jugend! Jugend! wie so fest
15
Hast du verstrickt das Leben dir,
16
Wie sich das Schlinggewächse preßt
17
Mit Wurzeln dort und Fasern hier,
18
Als vielen tausend Armen.

19
O Anblick, stärker als ein Weib,
20
Das Wachen, Angst und Kummer nagen!
21
Betäubt und schwer, gleich totem Leib,
22
Hat man die Fürstin fortgetragen.
23
Noch weilt der Vater, wenn ein Sklav'
24
Des Bornes frische Labung reicht,
25
Mit zitternd kalter Hand den Schlaf
26
Des Kindes streicht er sacht und feucht
27
Und flüstert leise Fragen.

28
Wer wagt sich an des Fürsten Ohr?
29
Menipp, der Jüngling aus Euböa.
30
»herr,« keucht er, »hebt den Blick empor!
31
Herr, der Prophete aus Judäa,
32
Von dem das ganze Land erfüllt,
33
Er kömmt, er naht Kapharnaum;
34
Und wie aus hundert Adern quillt
35
Entgegen ihm und nach und um
36
Ein Glutstrom Galiläa.«

37
»sind denn die alten Götter tot,
38
So müssen wir die neuen wahren.
39
Es sei, es sei und meine Not
40
Mag sich dem Volke offenbaren!«
41
Die Rosse stampfen, einmal schaut
42
Der Vater auf sein sterbend Kind,
43
Und nun voran! »Was rauscht so laut,
44
Was streicht am Berge wie ein Wind?«
45
»herr! des Propheten Scharen!«

46
O wie die Angst den Stolz zerbricht!
47
Demütig, zitternd als zur Frone,
48
Er weiß es nicht, zu wem er spricht,
49
Doch wie der Sklave vor dem Throne
50
Gebrochen steht der reiche Mann.
51
Die bleiche Lippe zuckt vor Schmerz,
52
Und heißer, als das Wort es kann,
53
Viel heißer fleht das bange Herz:
54
»hilf Rabbi meinem Sohne!«

55
Ein Murmeln durch die Masse geht,
56
Erwartend sich die Wangen färben,
57
»wenn ihr nicht Wunderzeichen seht,
58
Dann muß der Zweifel euch verderben.«
59
So spricht der Heiland abgewandt:
60
Unwillig rauscht es in dem Kreis;
61
Doch angstvoll hebt sich eine Hand,
62
Und wie ein Seufzer quillt es leis:
63
»rabbi, mein Sohn will sterben!«

64
Du hast geglaubt, und wärst du arm
65
Wie Irus, ach was dich nur quäle,
66
Du wahrhaft Reicher, liebewarm
67
Hast einen Schatz, den keiner zähle,
68
O der in dir, als alles brach,
69
Es machen konnte froh und still!
70
Hat er gehört mich, als ich sprach:
71
Herr, meine Seele sterben will,
72
O Herr hilf meiner Seele!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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