Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten (1822)

1
Wenn Tau auf reifen Ähren glänzt,
2
Die satten Körner schwellen nicht;
3
Und wenn den Toten man bekränzt,
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Die starren Pulse zucken nicht;
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Wenn über Trümmer geht das Licht,
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Nicht eine Säule wird ergänzt,
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Und dennoch, schau!
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Dünkt reiche Gabe Licht und Kranz und Tau!

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So nimmer Reue mag erbaun,
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Was einmal Schuld gebrochen hat,
11
Und dennoch Gottes Engel schaun
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Mitleidig auf die wüste Statt;
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So ragt auch wohl ein grünes Blatt
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Durch eines Kerkergitters Graun
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Zu dem Gefangnen und
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Er lächelt, seine Seele wird gesund.

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O könnte alle Sünde nur
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Wie überm Ast der Mistel stehn,
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Der wurzellos durch die Natur
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Sich selber blühn darf und vergehn!
21
Doch wie am dürren Baume sehn
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Man wird des Schlinggewächses Spur,
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So ein Vampyr
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Dorrt sie die Seele und den Körper dir.

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Wer frischt dir deinen Glauben auf,
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Versengt an ihrem Odem heiß?
27
Wer bringt dir der Gedanken Lauf
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Zurück ins fromm beschränkte Gleis?
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Und deiner Menschenkenntnis Eis,
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Den starren Strom, wer löst ihn auf,
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Den wahren Fluß,
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Der Himmel stets und Hölle scheiden muß?

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Und was dein Körper büßte ein
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In nagender Gefühle Joch,
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Das bleibt nun für dies Leben dein
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Und nach dem Drüben greift es noch;
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Und wie an einem Haare doch
38
Wirst immer du gehalten sein,
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Wenn frischer Geist
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In frischem Körper wie ein Adler kreist.

41
Sprach doch der allertreuste Mund:
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»vergeben leicht, und Heilen schwer.«
43
Das ist der Sünde alter Bund,
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Die zehrend wie Gomorrhas Meer
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Ertötet alle Frucht umher.
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Und dennoch kann das Mark gesund
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Und himmelwärts
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Kann treiben seinen Zweig des Baumes Herz.

49
O, nur Ergebung, nur Geduld!
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Zu tragen meiner Narben Schmach,
51
Um was gebrochen meine Schuld,
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Zu trauern still und reuig nach:
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Auch über mir steht ja das Dach
54
Des Himmels und der Sonne Huld
55
Und ach, der Tau,
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Er fällt ja auch auf meine heiße Brau'!

57
Nicht wirst du Herr mich wandeln gehn,
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Nicht heißen heben mich die Hand,
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Doch eine Säule darf ich stehn,
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Ein Zeichen an dem öden Strand,
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Und hoffen, daß wenn Sonnenbrand
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Die morschen Trümmer ließ vergehn,
63
An jenem Tag
64
Dein Strahl die Stäubchen aufwärts ziehen mag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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