Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten (1822)

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Da sprach er: »Gehet hin, den Priestern zeiget euch!«
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Und als sie gingen, siehe da, sie wurden rein.
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Du meine stolze Seele, nur an Elend reich,
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An Fehlen groß, so könnte dir geholfen sein,
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Dir, die noch stets verschmähte Menschenhand
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Und wär' sie gottgeweiht und wär' sie gottgesandt.

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Wohl sprichst du öfters zu dir selbst in argem Trug:
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Er ist der Starke, so allein mich retten kann;
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Hilft er mir nicht, dann ist auch Menschenrat ein Lug,
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Unmittelbar zu ihm mein Flehen steig' hinan!
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Und fühlst es nicht, daß warm und reich gehegt
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Der Hochmut Aussatz an dein töricht Herz gelegt.

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Ist denn so fest dein Mut, in reichem Glauben stark,
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Daß eines Freundes Hand er sich entschlagen darf?
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So klar dein Hirn, so saftig und gesund dein Mark,
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Daß die Erkenntnis dir vor andern Wesen scharf?
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O sei demütig, sprich es offen aus:
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Du lebst ein Bettler und in eines Bettlers Haus!

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Wie arm und schwach du, Seele mein, das meinst du wohl
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Zu fühlen, wenn die Lippe matt und klagend spricht;
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Und doch nur Klang, und doch nur Rauschen, schwülstig hohl,
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Wie umgestaltet aus dem Sprachrohr Flüstern bricht,
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Ein Aufschrei nur, der willenlos entfährt,
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Indes dein düstrer Blick sich stolz nach innen kehrt!

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Was ist da drinnen denn so Herrliches zu schaun?
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Ein krankes Blut, was ach! in eignem Druck erliegt,
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Was jedes Reizes Sklav' und jeder Stimmung, traun,
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Bald steht wie ein Morast, bald wie ein Strudel fliegt;
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Ein Hirn, von dem dir selber unbekannt,
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Ob es dem Wahnsinn oder Frevel mehr verwandt.

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Dies sind die Schätze, die dich stolz und stark gemacht,
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Daß du entschlagen dich hast des Geschaffnen Rat;
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Dies sind die Leuchten, die in dumpfen Zweifelns
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Nacht Glorreich bestrahlen sollen den verborgnen Pfad;
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Darum, darum baust du auf Gott allein,
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Daß Menschentadels Dorn dir mög' erlassen sein.

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Hast anders jemals du des Priesters wohl gedacht,
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Der lossprach deine Schuld im heil'gen Sakrament,
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Als wie des Blattes, drauf der Schuldner Rechnung macht
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Doch einzig Gläub'gers Schrift als Lösung anerkennt?
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Ward sichtbar jemals dir in seiner Hand
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Die ernste Waage, drauf dein Tod und Leben stand?

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Knie hin, knie hin, doch nicht an jener Gnadenstatt;
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Nein, vor dem Hirten nur in seiner Würde Kraft!
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Und deine Seele sei vor ihm ein offnes Blatt
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In aller Eitelkeit und niedern Leidenschaft.
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Und wenn du dich vor Menschenhand gebeugt:
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Dann schau ob sich am Aussatz nicht ein heilend Fleckchen zeigt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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