Am siebenten Sonntage nach Pfingsten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am siebenten Sonntage nach Pfingsten (1822)

1
Wo bist du, der noch unversöhnt mit mir?
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Gern will ich, freudig, meine Hand dir reichen.
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Nicht weiß ich es, was ich verbrach an dir;
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Verschwunden alte Zeiten, alte Zeichen.
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Zerronnen sind mir Jahre wie ein Traum
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Und rückwärts wend' ich die Gedanken kaum
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Zu Bildern, die wie Wolkenschatten bleichen.

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Aus harter Not und manchem bittern Kampf
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Ist mir ein neues Leben aufgegangen.
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Kein freudiges; der heiße innre Krampf
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Entzündet sich von außen nicht befangen;
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Der Blick nach innen bohrend mit Gewalt
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Kann tiefer tiefer in den dunkeln Spalt
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Der lang verharschten Wunden nun gelangen.

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Was mich bewegt, es ist dahin, verweht;
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Geschieden längst, die einst zusammentrafen.
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Und wie ein Schiff, das überm Meere steht,
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Vergessend ganz den einst verlaßnen Hafen,
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Laß ich das Senkblei zitternd auf den Grund
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Zu forschen, wo die Seele krank und wund,
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Wo, wehe, die verborgnen Klippen schlafen.

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Ach, kann ich denn vollbrachte Dinge so
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Gleich dem verbrauchten Mantel von mir streifen?
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Wird einer selbst nur seiner Trauer froh,
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Wo tausend kleine Fasern nach ihm greifen
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Der Wucherpflanze, so er ausgesät,
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Wenn überall des Fluches Ernte steht,
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Allüberall die irren Seufzer schweifen?

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O rüttle dich, schlag deine Augen auf!
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Noch einmal mußt du sie nach außen wenden,
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Mußt sehn den Quell als wilden Stromes Lauf,
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Den aufgegraben du mit deinen Händen,
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Und wo er ward gedämmt durch Gottes Huld,
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Da schlag an deine Brust in deiner Schuld
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Und wähne nicht du könntest was vollenden.

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Ja wend' ich meine Blicke nur zurück,
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Dann weiß ich, wo ich muß um Gnade flehen,
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Wo schuldig ich das eigne Lebensglück
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Zu tauschen gegen fremder Seele Wehen;
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Dann weiß ich wohl, wer mir noch unversöhnt
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Vielleicht die dargebotne Rechte höhnt,
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Mich nach Verdienst läßt ungetröstet gehen.

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Wo ich getäuscht in Leichtsinn, Übermut,
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Dort mag man mir vielleicht zuerst vergeben;
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Doch wo vergiftet ward ein reines Blut
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Ein fremdem Beispiel hingegebnes Leben:
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Da liegt der Stein, den meine sünd'ge Hand
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In Schwung zu setzen, ach, nur zu gewandt,
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Doch viel zu schwach, vom Grunde jetzt zu heben.

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Barmherziger! o laß der Sünde Lauf
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Nicht so gewaltig mehr zum Strudel treiben!
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Sieh! meine Hände heb' ich angstvoll auf,
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Nicht ein so schrecklich Denkmal laß mir bleiben!
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Nicht später Reue schäm' ich mich fürwahr,
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So send' auch diesen deine Leuchte klar,
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Daß schaudernd gen den Abgrund sie sich sträuben!

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Mein Gott, nicht um Verzeihung fleh ich ja,
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Daß unverdiente Liebe ich mir stehle;
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Zu ihnen tritt, nur ihnen Herr sei nah!
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Welch andre Pein auch hier und dort mich quäle,
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Du Gnädiger, nur dieses eine nicht,
62
Daß ich vor deinem ewigen Gericht
63
Durch mich verloren sehn muß eine Seele!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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