Am fünften Sonntage nach Pfingsten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am fünften Sonntage nach Pfingsten (1822)

1
Ein Abgrund hat sich aufgetan
2
Dem Auge meiner Seele;
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Verdorrt steht meines Lebens Bahn,
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Wie ich es mir verhehle.
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Doch Wahrheit alle Schleier bricht,
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Weh mir, die Liebe hab' ich nicht!

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Hat sich mein Herz so manches Mal
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Verzweifelnd dran gehangen,
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Wenn meine Sünden ohne Zahl
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Gespenstig auf mich drangen:
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Es ist doch wahr, und ist kein Traum,
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Mein Lieben ist nur Dunst und Schaum.

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Ja! soll noch Rettung dir geschehn,
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Du mein unsterblich Wesen:
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Mußt fest du in den Spiegel sehn,
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Mußt ohne Zucken lesen
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In deiner Brust die dunkle Schrift.
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Viel besser Dolch als schleichend Gift!

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Wem bist du reich? ist es nicht nur
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Der Arme, so sich beuget?
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Hast jemals freudiger Natur
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Du milde dich geneiget?
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Demütig nur und kummervoll
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Erpreßt man dir den schnöden Zoll.

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Kalt wie der Tod kannst, wehe dir,
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Die Hülfe du versagen,
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Wo nur ein üppig Zweiglein dir
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Scheint freudig aufzuragen;
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Du, den der fremde Splitter sticht,
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Und siehst den eignen Balken nicht!

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Freiwillig kam es dir nicht ein,
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Daß, ob die Lippe schweiget,
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Ob unter zarter Demut Schein
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Sich mild die Rechte zeiget,
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Es gibt kein süßer Hochmutsspiel
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Als eigner Güte Selbstgefühl!

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Freiwillig hast du nicht gefühlt,
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Wie dich die Nerven zwangen,
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Wenn, wie elektrisch Feuer spielt,
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Die fremden Schmerzen drangen
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In deines Körpers schwachen Bau,
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Zu schnöder ird'scher Tränen Tau.

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Greif an, es ist die höchste Zeit,
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Greif an mit mut'gen Händen;
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Des Richters Waage liegt bereit,
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Dein Lauf wird schleunig enden!
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Zeigt jeder Atemzug nicht an,
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Wie kurz gemessen deine Bahn?

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Wie elend ich nur bin und schwach,
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Nie hab' ich es empfunden,
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Als da die letzte Stütze brach
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In diesen schweren Stunden.
53
Doch einen gibt es, einen doch,
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Der eine kann mich retten noch.

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So laß, du aller Sünden Damm,
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Du treuster Freund von allen,
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Mich nicht als modermorschen Stamm
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So unversehends fallen!
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O flöße einen Tropfen Saft
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In meine Adern, höchste Kraft!

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Daß nur zu den Lebend'gen ich
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Darf ganz zuletzt mich stellen,
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Nur eben zu den Toten mich
64
Verzweifelnd nicht gesellen,
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Ein Tropfen für die Adern leer!
66
Du bist ja aller Gnaden Meer!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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