Am Pfingstmontage

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Annette von Droste-Hülshoff: Am Pfingstmontage (1822)

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Ist es der Glaube nur, dem du verheißen,
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Dann bin ich tot.
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O Glaube! wie lebend'gen Blutes Kreisen,
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Er tut mir not;
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Ich hab' ihn nicht.
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Ach nimmst du statt des Glaubens nicht die Liebe
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Und des Verlangens tränenschweren Zoll:
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So weiß ich nicht, wie mir noch Hoffnung bliebe;
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Gebrochen ist der Stab, das Maß ist voll
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Mir zum Gericht.

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Mein Heiland, der du liebst, wie niemand liebet,
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Fühlst du denn kein
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Erbarmen, wenn so krank und tiefbetrübet
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Auf hartem Stein
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Dein Ebenbild
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In seiner Angst vergehend kniet und flehet?
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Ist denn der Glaube nur dein Gotteshauch?
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Hast du nicht tief in unsre Brust gesäet
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Mit deinem eignen Blut die Liebe auch?
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O sei doch mild!

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Ein hartes schweres Wort hast du gesprochen,
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Daß »wer nicht glaubt,
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Gerichtet ist« – so bin ich ganz gebrochen.
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Doch so beraubt
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Läßt er mich nicht,
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Der hingab seinen Sohn, den eingebornen,
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Für Sünder wie für Fromme allzugleich.
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Zu ihm ich schau', die Ärmste der Verlornen,
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Nur um ein Hoffnungswort, er ist so reich
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Mein Gnadenlicht!

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Du Milder, der die Taufe der Begierde
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So gnädiglich
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Besiegelt selbst mit Sakramentes Würde,
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Nicht zweifle ich,
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Du hast gewiß
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Den Glauben des Verlangens, Sehnens Weihe
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Gesegnet auch; sonst wärst du wahrlich nicht
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So groß an Milde und so stark an Treue,
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Brächst du ein Zweiglein, draus die Knospe bricht
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Und Frucht verhieß.

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Was durch Verstandes Irren ich verbrochen,
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Ich hab' es ja
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Gebüßt so manchen Tag und manche Wochen;
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So sei mir nah!
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Nach meiner Kraft,
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Die freilich ich geknickt durch eigne Schulden,
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Doch einmal aufzurichten nicht vermag,
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Will hoffen ich, will sehnen ich, will dulden;
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Dann gibst du, Treuer, wohl den Glauben nach,
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Der Hülfe schafft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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