Am Christihimmelfahrtstage

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Annette von Droste-Hülshoff: Am Christihimmelfahrtstage (1822)

1
Er war ihr eigen dreiunddreißig Jahr',
2
Die Zeit ist hin, ist hin!
3
Wie ist sie doch nun alles Glanzes bar
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Die öde Erd', auf der ich atm' und bin!
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Warum durft' ich nicht leben, als sein Hauch
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Die Luft versüßte, als sein reines Aug'
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Gesegnet jedes Kraut und jeden Stein?
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Warum nicht mich? warum nicht mich allein?
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O Herr! du hättest mich gesegnet auch!

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Dir nachgeschlichen wär' ich überall,
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Und hätte ganz von fern,
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Verborgen von Gebüsches grünem Wall,
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Geheim betrachtet meinen liebsten Herrn.
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Zu Martha hätt' ich bittend mich gewandt
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Um einen kleinen Dienst für meine Hand:
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Vielleicht den Herd zu schüren dir zum Mahl,
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Zum Quell zu gehn, zu lüften dir den Saal –
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Du hättest meine Liebe wohl erkannt.

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Und draußen in des Volkes dichtem Schwarm
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Hätt' ich versteckt gelauscht,
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Und deine Worte, lebensreich und warm,
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So gern um jede andre Lust getauscht;
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Mit Magdalena hätt' ich wollen knien,
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Auch meine Träne hätte sollen glühn
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Auf deinem Fuß, vielleicht dann, ach vielleicht
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Wohl hätte mich dein selig Wort erreicht:
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»geh hin, auch deine Sünden sind verziehn!«

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Umsonst! und zwei Jahrtausende nun fast
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Sind ihrem Schlusse' nah,
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Seitdem die Erde ihren süßen Gast
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Zuletzt getragen in Bethania.
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Schon längst sind deine Martyrer erhöht,
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Und lange Unkraut hat der Feind gesät,
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Gespalten längst ist deiner Kirche Reich
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Und trauernd hängt der mühbeladne Zweig
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An deinem Baume, doch die Wurzel steht.

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Geboren bin ich in bedrängter Zeit;
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Nach langer Glaubensrast
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Hat nun verschollner Frevel sich erneut;
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Wir tragen eine fast vergeßne Last,
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Und wieder deine Opfer stehn geweiht.
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Ach, ist nicht Lieben seliger im Leid?
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Bist du nicht näher, wenn die Trauer weint,
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Wo drei in deinem Namen sind vereint,
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Als Tausenden im Schmuck und Feierkleid?

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's ist sichtbar, wie die Glaubcnsflamme reich
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Empor im Sturme schlägt,
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Wie mancher, der zuvor Nachtwandlern gleich,
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Jetzt frisch und kräftig seine Glieder regt.
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Gesundet sind die Kranken, wer da lag
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Und träumte, ward vom Stundenschlage wach;
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Was sonst zerstreut, verflattert in der Welt,
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Das hat um deine Fahne sich gestellt
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Und jeder alte, zähe Firnis brach.

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Was will ich mehr? ist es vergönnt dem Knecht
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Die Gabe seines Herrn
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Zu meistern? was du tust, das sei ihm recht!
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Und ist dein Lieben auch ein Flammenstern,
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Willst läutern du durch Glut, wie den Asbest,
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Dein Eigentum von fauler Flecken Pest:
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Wir sehen deine Hand und sind getrost,
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Ob über uns die Wetterwolke tost,
63
Wir sehen deine Hand und stehen fest.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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