Am Ostermontage

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Annette von Droste-Hülshoff: Am Ostermontage (1822)

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Herr, eröffne mir die Schrift,
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Deiner Worte Liebesmorgen,
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Daß er leis im Herzen trifft,
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Was gewißlich drin verborgen.
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Weiß es selber nicht zu finden,
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Bin doch aller Hoffnung voll,
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O, die Wolken werden schwinden!
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Wenn die Sonne scheinen soll.

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Soll der Glaube ferne sein?
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Da die Liebe nicht verloren!
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Da in Nächten stiller Pein
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Mir die Hoffnung neu geboren!
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Du, mein Gott der Huld und Treue,
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Den des Würmleins Krümmen rührt,
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Hättest du umsonst die Reue
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In dies starre Herz geführt!

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Nein, mein Herr, das hast du nicht,
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Deine Seelen sind dir teuer;
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Wo nur noch ein Fünklein spricht,
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Nahst du gern mit deinem Feuer.
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O, ich fühl' es wohl, wie leise
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Sich das neue Leben regt,
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An der Gnade zarte Speise
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Seine schwachen Lippen legt.

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Manches ist mir wunderbar,
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Manches muß mir dunkel scheinen,
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Doch in deiner Liebe klar
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Wird sich alles freudig einen.
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War der Nebel nur des Bösen,
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Was als Nacht mich zagen ließ:
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Wie sich meine Sünden lösen,
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Tret' ich aus der Finsternis.

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Herr, mit Tränen dank' ich dir
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Für dein übergnädig Walten,
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Daß du deinen Glauben mir
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In der Sünde vorenthalten:
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Ach, ich hätte wie im Grimme
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Neue Frevel nur erspäht!
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Bis mir des Gewissens Stimme
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Von dem Sturme überweht.

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Deine Gnad' ist weich und warm,
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Mag der Sorgfalt nicht entbehren,
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Und mein Herz war kalt und arm,
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Solchen zarten Gast zu nähren,
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Aber wie die Quellen springen,
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Losgerissen von dem Weh,
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Taucht sie sich mit milden Schwingen
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In den heißen roten See.

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Herr, ich habe viel geweint,
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Daß ich oft wie zu zergehen,
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In der Seelennot gemeint,
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Und wie ist mir heut geschehen?
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Daß ich gar so voll der Freuden,
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Und mich keine Angst bezwingt,
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Ob mir gleich das alte Leiden
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Riesig an die Seele dringt.

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Und bei deinem heil'gen Buch,
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Was mir heute fast wie offen,
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Denk' ich keinen einz'gen Fluch,
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Kann nur lieben, kann nur hoffen,
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Seh dich nur als Kindlein neigen,
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Alles lieblich, alles lind,
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Deine harten Worte schweigen,
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Und ich weiß nicht, wo sie sind.

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Das ist nur für diesen Tag,
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O, viel anders wird es kommen!
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Denn zu groß ist meine Schmach,
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Solche Lust kann ihr nicht frommen,
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Hast nur deinen Blitz gesendet,
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Daß nicht irr in meiner Pein
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Ich mich wieder zugewendet
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Dem verlaßnen Götzenhain.

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Du unendlich süßes Glück!
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Muß ich wieder dich verlieren,
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Laß mir nur dein Bild zurück,
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In dem Grolle mich zu rühren,
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Oder, Herr, soll dieser Stunde
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Überschwenglich Heil erstehn,
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O! so laß des Grolles Wunde
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Mir als Trauer offen gehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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