Am Karfreitage

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Annette von Droste-Hülshoff: Am Karfreitage (1822)

1
Weinet, weinet, meine Augen,
2
Rinnt nur lieber gar zu Tränen,
3
Ach, der Tag will euch nicht taugen,
4
Und die Sonne will euch höhnen!
5
Seine Augen sind geschlossen,
6
Seiner Augen süßes Scheinen.
7
Weinet, weinet unverdrossen,
8
Könnt doch nie genugsam weinen!

9
Als die Sonne das vernommen,
10
Hat sie eine Trauerhülle
11
Um ihr klares Aug' genommen,
12
Ihre Tränen fallen stille.
13
Und ich will noch Freude saugen
14
Aus der Welt, der hellen, schönen?
15
Weinet, weinet meine Augen,
16
Rinnt nur lieber gar zu Tränen!

17
Still, Gesang und alle Klänge,
18
Die das Herze fröhlich machen!
19
»kreuz'ge, kreuz'ge!« brüllt die Menge,
20
Und die Pharisäer lachen.
21
Jesu mein, in deinen Schmerzen
22
Kränkt dich ihre Schuld vor allen;
23
Ach, wie ging es dir zu Herzen,
24
Daß so viele mußten fallen!

25
Und die Vöglein arm, die kleinen,
26
Sind so ganz und gar erschrocken,
27
Daß sie lieber möchten weinen,
28
Wären nicht die Äuglein trocken;
29
Sitzen traurig in den Zweigen,
30
Und kein Laut will rings erklingen.
31
Herz, die armen Vöglein schweigen,
32
Und du mußt den Schmerz erzwingen!

33
Weg mit goldenen Pokalen,
34
Süßem Wein vom edlen Stamme!
35
Ach, ihn sengt in seinen Qualen
36
Noch des Durstes heiße Flamme!
37
Daß er laut vor Schmerz muß klagen,
38
Erd und Himmel muß erbleichen,
39
Da die Henkersknecht' es wagen,
40
Gall' und Essig ihm zu reichen!

41
Weiche Polster, seidne Kissen,
42
Kann mir noch nach euch verlangen,
43
Da mein Herr, so gar zerrissen.
44
Muß am harten Kreuze hangen?
45
O wie habt ihr ihn getroffen,
46
Dorn und Nagel, Rut' und Spieße!
47
Doch das Schuldbuch liegt ja offen,
48
Daß sein heilig Blut es schließe.

49
In der Erde alle Toten
50
Fahren auf wie mit Entsetzen,
51
Da sie mit dem heil'gen, roten
52
Blute sich beginnt zu netzen.
53
Können nicht mehr ruhn die Toten,
54
Wo sein köstlich Blut geflossen;
55
Viel zu heilig ist der Boden,
56
Der so teuren Trank genossen.

57
Er, der Herr in allen Dingen,
58
Muß die eigne Macht besiegen,
59
Daß er mit dem Tod kann ringen,
60
Und dem Tode unterliegen.
61
Gänzlich muß den Kelch er trinken,
62
Menschenkind, kannst du's ertragen?
63
Seine süßen Augen sinken,
64
Und sein Herz hört auf zu schlagen.

65
Als nun Jesu Herz tut brechen:
66
Bricht die Erd' in ihren Gründen,
67
Bricht das Meer in seinen Flächen,
68
Bricht die Höll' in ihren Schlünden,
69
Und der Felsen harte Herzen
70
Brechen all mit lautem Knalle.
71
Ob in Wonne, ob in Schmerzen?
72
Bricht's der Rettung, bricht's dem Falle?

73
Und für wen ist denn gerungen
74
In den qualenvollen Stunden,
75
Und der heil'ge Leib durchdrungen
76
Mit den gnadenvollen Wunden?
77
Herz, mein Herz, kannst du nicht springen
78
Mit den Felsen und der Erde,
79
Nur, daß ich mit blut'gen Ringen
80
Neu an ihn gefesselt werde?

81
Hast du denn so viel gegeben,
82
Herr, für meine arme Seele?
83
Ist ihr ewig, ewig Leben
84
Dir so wert trotz Schuld und Fehle?
85
Ach, so laß sie nicht gefunden
86
Sein, um tiefer zu vergehen!
87
Laß sie deine heil'gen Wunden
88
Nicht dereinst mit Schrecken sehen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.