Am Dienstage in der Karwoche

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Annette von Droste-Hülshoff: Am Dienstage in der Karwoche (1822)

1
»gleich deiner eignen Seelen
2
Sollst du den Nächsten lieben!«
3
O Herr, was wird noch fehlen,
4
Bevor dein Wort erfüllt!
5
So muß denn all mein Denken
6
Mich rettungslos betrüben;
7
Wie sich die Augen lenken,
8
Steht nur der Torheit Bild.

9
Mein Herr, ich muß bekennen,
10
Daß wenn in tiefsten Gründen
11
Oft meine Sünden brennen,
12
Mich diese nie gequält.
13
So ist denn all den Flecken,
14
Die meine Brust entzünden,
15
Des Übermutes Schrecken
16
Noch tötend beigezählt!

17
Und hast du mich verlassen,
18
Mein rügendes Gewissen,
19
Weil ich dich wie zu hassen
20
In meinen Ängsten schien?
21
O schärfe deine Qualen!
22
Und laß mich ganz zerrissen,
23
Bedeckt mit blut'gen Malen,
24
Vor Gottes Augen glühn!

25
Sprich! wolltest du mich trügen?
26
Und kann der Heller Klingen
27
Dein feiles Wort besiegen?
28
Die ich der Armut bot.
29
O Gold, o schnöde Gabe!
30
Die alles soll erringen,
31
So trägst du mir zu Grabe
32
Mein Letztes in der Not!

33
Wie oft drang die Versteckte,
34
Die Sinnlichkeit, zu spenden,
35
Wenn mich ein Antlitz schreckte,
36
Vom Elend ganz verzerrt,
37
Und mußt' es bald entrinnen
38
Den arbeitlosen Händen,
39
Den ratlos irren Sinnen,
40
In Jammer ausgedörrt.

41
O Gold, o schnöde Gabe!
42
Wie wenig magst du frommen,
43
Magst läuten nur zu Grabe
44
Das letzte Gnadenwehn.
45
So hast du sondergleichen
46
Die Liebe mir genommen,
47
Daß ich kann lächelnd reichen,
48
Wo Gottes Kinder sehn.

49
Ihr Sinne, sprecht ihr scheuen,
50
Was habt ihr euch entzogen?
51
Muß euch nicht alles freuen?
52
Was mich nur freuen mag!
53
In flatterndem Verlangen
54
Habt ihr die Lust gesogen,
55
Indes die Not vergangen
56
An eurem Jubeltag!

57
So hab' ich deine Pfunde
58
In Frevelmut vergeudet,
59
Und für der Armut Wunde
60
War mir ein Heller gut!
61
Das wird an mir noch zehren,
62
Wenn Leib und Seele scheidet,
63
Wird kämpfen, mir zu wehren
64
Den letzten Todesmut.

65
Ich müßte wohl verzagen,
66
Ich habe viel verbrochen,
67
Doch da du mich getragen,
68
Mein Gott, bis diesen Tag,
69
Wo meiner Seele Grauen
70
In fremder Kraft gebrochen,
71
Wie soll sie dem nicht trauen!
72
Der ihre Bande brach.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.