Am Feste Mariä Verkündigung

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Annette von Droste-Hülshoff: Am Feste Mariä Verkündigung (1822)

1
Ja, seine Macht hat keine Grenzen,
2
Bei Gott unmöglich ist kein Ding!
3
Das soll mir wie mein Nordlicht glänzen,
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Da meine Sonne unterging.
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Und wie auf blauen Eises Küsten
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Steh ich zu starrer Winterzeit,
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Wie soll ich noch das Leben fristen!
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Ach, keine Flamme weit und breit!
9
Doch sieh! wer winkt' dem milden Lenzen?
10
Daß er die tote Erd' umfing.
11
Ja seine Macht ist ohne Grenzen!
12
Bei Gott unmöglich ist kein Ding!

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O sehet, wie von warmen Zähren
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Der Erde hartes Herz zerquillt,
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Wie sie, die Blumen sein zu nähren,
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Mit Tau die grauen Wimper füllt!
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Auch in die längsterstorbnen Äste
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Gießt sich ein Leben wunderbar,
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Und alle harren seiner Gäste,
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Der Blätter lebensfroher Schar.
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Was soll ich denn der Hoffnung wehren?
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Daß meiner Zähren Flehn gestillt!
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Da ja sogar von warmen Zähren
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Der Erde hartes Herz zerquillt!

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Kannst du die Millionen Blätter
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Aus diesen toten Ästen ziehn,
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Und aus dem ausgebrannten Wetter
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Der Lavafelsen frisches Grün:
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Was soll mein Herz zu hart dir scheinen?
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Wo doch der gute Wille brennt,
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Das sich dir glühend möchte einen!
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Wenn es sich starrend von dir trennt.
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Und soll nicht, mein allmächt'ger Retter,
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Auch mir ein farblos Kraut entblühn!
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Da du die Millionen Blätter
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Kannst aus den toten Ästen ziehn.

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O, möchte nur die Demut keimen!
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Vertrocknet ist die Herrlichkeit,
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Wohl durft' ich sonst mir andres träumen,
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Doch wie ein Blitz ist jene Zeit.
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Zwar kann ich mich in Reue sehnen,
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Ich kann verwerfen meine Tat,
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Doch nicht erfrischen meine Tränen,
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Sie fallen sengend auf die Saat,
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Und Frost und Hitze muß sich reimen,
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Daß keine Blume mir gedeiht:
47
O möchte nur die Demut keimen,
48
Vertrocknet ist die Herrlichkeit!

49
So ist doch von den Blumen allen
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Marienblümlein milder Art;
51
Die Blätter erst, die Flocken fallen,
52
Doch freudig blüht es fort und zart.
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Wenn sich des Winters Stürme brechen,
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Gleich blickt es freundlich durch den Schnee,
55
Und naht der Lenz in Regenbächen,
56
Da steht es in dem kalten See.
57
O könnt' ich gläubig niederfallen!
58
Bis mir das Blümlein offenbart,
59
Es ist ja von den Blumen allen
60
Marienblümlein milder Art.

61
Doch wie das Volk einst vor den Schranken
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Um Horebs gottgeweihte Höhn,
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So fliehen bebend die Gedanken,
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Da sie dies reine Bild erspähn.
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Was seh ich nur die Feuersäule?
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Und nicht die Gnade Gottes drin!
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Daß unermeßlich scheint die Steile,
68
Und wie ein Abgrund, wo ich bin.
69
O Jesus, laß aus diesem Schwanken
70
Nur nicht das goldne Kalb entstehn!
71
Wie jenem Volke vor den Schranken
72
Um Horebs gottgeweihte Höhn.

73
Und kann ich denn kein Leben bluten,
74
So blut' ich Funken wie ein Stein!
75
Ich weiß es, wo sie stille ruhten,
76
Ich scheuchte sie in Schlummer ein,
77
Da ich gesucht was Leben kündet.
78
Doch hast du, Herr, mich ausersehn,
79
Daß ich soll starr, doch festgegründet
80
Wie deine Felsenmauern stehn:
81
So brenne mich in Tatengluten,
82
Wie den Asbest des Felsen, rein!
83
Und kann ich dann kein Leben bluten,
84
So blut' ich Funken wie ein Stein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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