Am fünften Sonntage in der Fasten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am fünften Sonntage in der Fasten (1822)

1
Die Propheten sind begraben!
2
Abraham ist tot!
3
Millionen, Greis' und Knaben,
4
Und der Mägdlein rot,
5
Viele, die mir Liebe gaben,
6
Denen ich sie bot,
7
Alle, alle sind begraben!
8
Alle sind sie tot!

9
Herr, du hast es mir verkündet,
10
Und dein Wort steht fest,
11
Daß nur der das Leben findet,
12
Der das Leben läßt.
13
Ach, in meiner Seele windet
14
Es sich dumpf gepreßt;
15
Doch, du hast es mir verkündet,
16
Und dein Wort steht fest!

17
Aber von mir selbst bereitet,
18
Leb' ich oft der Pein,
19
Alles scheint mir wohl geleitet,
20
Und der Mensch allein,
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Der dein Ebenbild bedeutet,
22
Jammervoll zu sein:
23
Sieh, so hab' ich mir bereitet
24
Namenlose Pein.

25
Hab' ich grausend es empfunden,
26
Wie in der Natur
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An ein Fäserchen gebunden,
28
Eine Nerve nur,
29
Oft dein Ebenbild verschwunden
30
Auf die letzte Spur:
31
Hab' ich keinen Geist gefunden,
32
Einen Körper nur!

33
Seh ich dann zu Staub zerfallen,
34
Was so warm gelebt,
35
Ohne daß die Muskeln wallen,
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Eine Nerve bebt,
37
Da die Seele doch an allen
38
Innig fest geklebt,
39
Möcht' ich selbst zu Staub zerfallen,
40
Daß ich nie gelebt!

41
Schrecklich über alles Denken
42
Ist die dumpfe Nacht,
43
Drin sich kann ein Geist versenken,
44
Der allein gedacht,
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Der sich nicht von dir ließ lenken,
46
Helle Glaubensmacht!
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Ach, was mag der Finstre denken
48
Als die finstre Nacht!

49
Meine Lieder werden leben,
50
Wenn ich längst entschwand,
51
Mancher wird vor ihnen beben,
52
Der gleich mir empfand.
53
Ob ein andrer sie gegeben,
54
Oder meine Hand!
55
Sieh, die Lieder durften leben,
56
Aber ich entschwand!

57
Bruder mein, so laß uns sehen
58
Fest auf Gottes Wort,
59
Die Verwirrung wird vergehen,
60
Dies lebt ewig fort!
61
Weißt du wie sie mag entstehen
62
Im Gehirne dort?
63
Ob wir einst nicht lächelnd sehen
64
Der Verstörung Wort,

65
Wie es hing an einem Faden,
66
Der zu hart gespannt,
67
Mit entflammten Blut beladen
68
Sich der Stirn entwand?
69
Flehen wir zu Gottes Gnaden!
70
Flehn zu seiner Hand,
71
Die die Fädchen und die Faden
72
Liebreich ausgespannt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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