Am dritten Sonntage in der Fasten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am dritten Sonntage in der Fasten (1822)

1
»mein Nam' ist Legion, denn unserer sind viele,«
2
So spricht der finstre Geist:
3
Sein Nam' ist Legion, weh mir, daß ich es fühle!
4
Daß es mich zittern heißt!

5
Wo kindlich dem Gemüt in Einfalt und Vertrauen
6
Nichts als sein Jesu kund,
7
Da kann der Finstre nicht die wirren Höhlen bauen
8
Im einfach lichten Grund;

9
Doch du, mein schuldvoll Herz, in deinem eitlen Wissen,
10
In deinem irren Tun,
11
Wie sind dir tausend brand'ge Stellen aufgerissen!
12
Worin die Nacht kann ruhn;

13
Und raff' ich mich empor, und will ich mich erkühnen
14
Zu heil'gen Namens Schall,
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O, könnte nicht vielleicht mein guter Wille dienen
16
Zu neuem schwerem Fall!

17
Denn daß die Welt mich nicht, die Menschen mich nicht kennen,
18
Die gleißend wie das Meer,
19
Daß sie mich oft sogar noch hell und freudig nennen,
20
Das senkt unendlich schwer!

21
Mich kennen muß die Welt, ich muß Verachtung tragen,
22
Wie ich sie stets verdient,
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Ich Wurm, der den, den Engel kaum zu nennen wagen,
24
Zu preisen mich erkühnt!

25
Laß in Zerknirschung mich, laß mich in Furcht dich singen,
26
Mein Heiland und mein Gott!
27
Daß nicht mein Lied entrauscht, ein kunstvoll sündlich Klingen,
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Ein Frevel und ein Spott.

29
Ach wer so leer wie ich in Worten und in Werken,
30
An Sinnen so verwirrt,
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Des Lied kann nur des Herrn barmherzig Wunder stärken,
32
Daß es zum Segen wird.

33
Ist nicht mein ganzer Tag nur eine Reihe Sünden?
34
Muß oft in Traumeswahn,
35
Oft wachend die Begier nicht zahllos Wege finden,
36
Nur nie die Himmelsbahn!

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Tönt nicht der Kampfgesang der Lust von allen Seiten?
38
Und bringt er nicht den Sieg?
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Ist nicht mein Leben nur ein flüchtig kraftlos Streiten?
40
Ein schmachbedeckter Krieg!

41
Und mein' ich eine Zeit, daß ich den Sieg errungen,
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Weil die Begierde schwand,
43
Da bin ich ausgeschlürft, wie von Empusenzungen,
44
Wie eine tote Hand!

45
Und ist mir's eine Zeit, als will das Leben ziehen
46
Ins Herze gar erstarrt,
47
Da muß mit ihm zugleich der Übermut entglühen,
48
Der eines Hauchs geharrt.

49
Und wird mir's endlich klar, umsprüht von Leidensfunken,
50
Wie klein, wie nichts ich bin,
51
Da bin ich ausgebrannt, zu Asche eingesunken,
52
Verglüht an Geist und Sinn.

53
Das hast du selber dir, du schuldvoll Herz, zu danken,
54
Mein Jesu lieb und traut!
55
Wärst du nur irgend treu, er würde nimmer wanken
56
Von der geliebten Braut.

57
Doch, daß du schlummernd läßt durch alle Tore ziehen
58
Den grausen Höllenbund,
59
Daß überall für ihn die Siegeskränze blühen
60
Aus deinem eignen Grund,

61
Daß du dich töricht wähnst in vollem hellem Laube,
62
Du armer dürrer Zweig!
63
Daß du, indes der Feind frohlockt in deinem Raube,
64
Dich herrlich wähnst, und reich:

65
Das ist warum du stirbst, daß du in Wahnes Gluten
66
Nicht kennst den eignen Schmerz,
67
O, fühltest du dich selbst aus allen Adern bluten,
68
Du töricht frevelnd Herz!

69
So schaue deine Not! noch fielen nicht die Schranken
70
Der dunklen Ewigkeit.
71
»sein Nam' ist Legion«, o fasse den Gedanken!
72
Es ist die letzte Zeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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