Am zweiten Sonntage in der Fasten

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Annette von Droste-Hülshoff: Am zweiten Sonntage in der Fasten (1822)

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Liebster Jesu, nur Geduld!
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Wie ein Hündlein will ich spüren
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Nach den Brocken deiner Huld,
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Will mich lagern an die Türen,
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Ob von deinen Kindern keines
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Mir ein Krüstlein reichen will,
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Hungerglühend, doch in meines
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Tiefen Jammers Kunde still.

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Um Geduld fleh ich zu dir!
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Denn ich muß in großen Peinen
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Einsam liegen vor der Tür,
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Wenn von deinen klaren Weinen,
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Deinen lebensfrischen Gaben
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Mir der Duft hinüber zieht:
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Ach, ein Tropfen kann mich laben,
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Meine Zunge ist verglüht!

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Weil ich fast in meiner Pein
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Schaue wie aus Kindesaugen,
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Meinen oft die Diener dein,
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Daß ich mag zum Gaste taugen;
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In Erbarmen ganz vermessen,
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Reichen sie die Schüsseln hin,
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Doch ich will es nicht vergessen,
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Daß ich wie ein Hündlein bin.

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O, zum allergrößten Heil
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Muß es mir bei dir gereichen,
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Daß dir, o mein einzig Teil!
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Nichts an Langmut zu vergleichen,
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Denn es will mir öfters fahren
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Durch die Glieder wie ein Blitz,
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Deinen Kindern mich zu paaren,
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Rasch erringend einen Sitz.

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Kann ich dir, du Rächer groß,
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Doch in Ewigkeit nicht lügen,
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Und mir würd' ein schmählich Los,
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So die Diener dein zu trügen:
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Weil mir weich die Augen brennen
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In der ungestillten Lust,
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Ich mich will ein Kindlein nennen,
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Mit der schuldgebrochnen Brust.

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Wie ein Hündlein bin ich nur,
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Und so will ich nimmer weichen,
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Fest auf deiner Kinder Spur,
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Ob sie mir den Bissen reichen,
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Wenn die Sonne aufgegangen,
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Wenn sie blutet in den Tod,
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Will an ihrem Munde hangen,
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So du reichst das Abendbrot.

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Ist es deinen Kindern recht,
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Nur ein Krüstlein mir zu spenden,
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Wohl, es ist mir nichts zu schlecht,
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Kömmt von übermilden Händen,
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Birgt sich reiche Nahrung drinnen,
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Nur in ernster Glut erstarrt.
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Ach, und meinen stumpfen Sinnen
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Wär' ein Kiesel nicht zu hart!

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O, es ist ein bittres Los,
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Wer ein lieber Gast gewesen,
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Um die eignen Sünden groß
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Nun die Brocken aufzulesen!
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Nicht um des Gerichtes Strenge,
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Das mir noch dereinstens dräut,
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Nein, im eigenen Gedränge
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Inniger Versunkenheit.

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Daß um meiner Sehnsucht Brand
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Neu die Sinne mir gegeben,
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Aber nicht so lang ein Band
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Leib und Seele hält umgeben,
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Darauf ruht mein einzig Hoffen,
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Und so leb' ich langsam hin,
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Meine Sinne stehen offen,
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Aber ihnen fehlt der Sinn.

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Muß in Qual das Morgenrot,
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Muß das Abendlicht mich sehen,
75
O wie lieblich ist der Tod!
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Und um seinen Trost zu flehen
77
Darf mich dennoch nicht erkühnen,
78
Wie er winkt, so lockend mild,
79
Denn ich muß unendlich sühnen,
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Und das Leben ist mein Schild.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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