Am fünften Sonntage nach hl. drei Könige

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Annette von Droste-Hülshoff: Am fünften Sonntage nach hl. drei Könige (1822)

1
In die Dornen ist dein Wort gefallen,
2
In die Dornen, die mein Herz zerrissen;
3
Du, mein Gott, nur du allein kannst wissen,
4
Wie sie schmerzlich sind vor andern allen;
5
In die Dornen meiner bittern Reue,
6
Die noch keine Tröstung will empfangen.
7
So verbarg ich es in finstrer Scheue,
8
Und so ist es trübe aufgegangen,

9
Und so wächst es auf in bittrer Wonne,
10
Und die Dornen lassen es gedeihen;
11
Ach, mein Boden ist zu hart, im Freien
12
Leckt den Tau vom Felsen ihm die Sonne.
13
Kann es gleich nur langsam sich entfalten,
14
Schirmen sie es treulich doch vor Stürmen
15
Und dem Hauch der Lust, dem todeskalten,
16
Und wenn sich des Zweifels Wolken türmen.

17
In die Dornen ist dein Wort gefallen,
18
Und sie werden blut'ge Rosen tragen;
19
Soll ich einst dir zu vertrauen wagen,
20
Darf ich nur in ihrem Kranze wallen.
21
Wenn er recht erstrahlt im Feuerglanze
22
Und das Haupt mir sengt mit tiefen Wunden,
23
Dann gedeiht die zarte Gottespflanze,
24
Muß an seinem Schmerzenstrahl gesunden.

25
In Entsagung schwinden muß mein Leben,
26
In Betrachtung meine Zeit ersterben;
27
So nur kann ich um das Höchste werben,
28
Meine Augen darf ich nicht erheben.
29
Ach, ich habe sie mißbraucht zu Sünden
30
Und verscherzt des Aufblicks reine Freude,
31
Dann nur kann ich noch den Himmel finden,
32
So ich ihn in Scham zu schauen meide.

33
Wenn ich blicke in die milden Mienen,
34
O, wie schmerzlich muß es mich betrüben,
35
Denen noch das teure Recht geblieben,
36
Ihrem Gott in Freudigkeit zu dienen!
37
Muß auch hier die trüben Augen lenken,
38
Muß erglühend sie zur Erde schlagen,
39
In ein reines Auge sie zu senken,
40
Kann ich nimmer sonder Frevel wagen.

41
Und wie tief neig' ich die Stirn, die trübe,
42
Wenn die Sünde rauscht an mir vorüber,
43
Meinen manche, daß mich Abscheu triebe,
44
Und gewinnen lieber mich und lieber,
45
Ist es oft nur mein vergangnes Leben,
46
Grauenhaft zum zweiten Mal geboren.
47
Ach, und oft empfind' ich gar mit Beben,
48
Wie der Finstre noch kein Spiel verloren!

49
Aber, was er auch für Tücke hege,
50
Kämpfen will ich um des Himmels Grenzen,
51
Meine Augen sollen freudig glänzen,
52
Wenn ich mich in meine Dornen lege,
53
Daß die Welt nicht meinen Kampf darf rügen,
54
Oder gar mit eitelm Lob geleiten,
55
Wohl, ich kann durch Gottes Wunder siegen,
56
Aber nimmer mit zwei Feinden streiten.

57
Ob ein Tag mir steigen wird auf Erden,
58
Wo ich frei mich zu den Deinen zähle?
59
Wo kein Schwert mehr fährt durch meine Seele,
60
Wenn mir deine Hände sichtbar werden!
61
Herr, und soll der Tag mir nimmer scheinen,
62
Dürft' ich ihn in Ewigkeit nicht hoffen,
63
Dennoch muß ich meine Schulden weinen,
64
O, der Sünder hat sich selbst getroffen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.