Am Feste Mariä Lichtmeß

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Annette von Droste-Hülshoff: Am Feste Mariä Lichtmeß (1822)

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Durch die Gassen geht Maria,
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In dem Arm den Sohn, den lieben,
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Hält ihn fest, und hält ihn linde,
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Und ihr Auge schaut auf ihn;
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Wie die Englein ihn gesungen,
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Ihn die Hirten angebetet,
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Huldigten die grauen Weisen,
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Läßt sie still vorüberziehn.

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Aber Josef ihr zur Seiten
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Ist in Sorgfalt ganz befangen,
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Prüfend frägt er alle Steine,
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Ob ihr Fuß zu kühn sich wagt;
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Weiß nicht was er wird erleben,
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Aber wunderbare Dinge
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Haben aus des Kindleins Augen
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Sich ihm heimlich angesagt.

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O Maria, Mutter Christi,
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Nicht zu dir will ich mich wagen,
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Denn du bist mir viel zu helle,
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Meine Seel' ergraut vor dir,
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Bist mir fast wie zum Entsetzen
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In der fleckenlosen Reine,
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Die du siegreich hast bewahret,
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Da du wandeltest gleich mir.

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Will viel lieber vor dein Kindlein
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Treten, weinend und zerschlagen.
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Ist er wohl mein Herr und Richter,
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Und du stehst mir minder weit,
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Einer Torheit muß ich zollen,
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Soll ich nicht in Furcht zerstäuben,
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Hat er doch nicht überwunden,
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Ist der Held von Ewigkeit!

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Liebster Herr, du hast geschaffen
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Meine arme kranke Seele,
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Wie den Reiz, den vielgestalten,
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Der auf breite Straßen führt;
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Und du weißt, daß wie vor andern
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Frischer Hauch in meiner Seele,
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So mich auch vor andern glühend
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Jede Erdenlust berührt!

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Hast du mir zu reichen Kräften
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Auch ein reiches Amt verliehen,
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Reiche Güter zu verwalten
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Und ein hohes, reiches Schloß,
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Und nun liegt es in Zerstörung,
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Graunvoll in der öden Größe,
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Wie ein knöchern Ungeheuer,
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Wie ein toter Meerkoloß.

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Und da ich nach vielen Tagen,
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Sonder Glauben, voll der Liebe,
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Angstvoll prüfte seine Mauern,
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Siehe da, sie standen fest!
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O mein Herr willst du mich hören,
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Auftun deine Gnadenschätze,
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Sieh ich will getreulich bauen
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Meines Lebens trüben Rest.

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Muß mein Haus gleich stehen eine
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Öde warnende Ruine,
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Ach, nur dort mag sich gestalten,
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Was so rettungslos zerstört.
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Kann ich nur ein Stübchen bauen,
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Ausgeschmückt mit stillen Werken,
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Wo ich, Herr, dich kann bewirten,
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Wenn du bei mir eingekehrt.

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Aus den Hallen tritt Maria,
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In dem Arm den Sohn, den lieben,
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Hält ihn fest und halt ihn linde,
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Und auf ihm ihr Auge ruht.
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O sie hat das Glück getragen
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Durch neun wonnevolle Monde;
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Was verkündet jene Frommen,
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Trug sie längst im glühnden Mut.

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Aber Josef stillen Schrittes,
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Tritt nicht mehr an ihre Seite,
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Da das liebe, liebe Kindlein
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Nun der Herr der ganzen Welt,
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Doch wie höher steigt die Sonne,
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Schleicht er leis an ihre Schulter,
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Und er zupft an ihrem Mantel,
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Daß der Schleier niederfällt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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