Der Graf von Thal

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Graf von Thal (1835)

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Das war der Graf von Thal,
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So ritt an der Felsenwand;
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Das war sein ehlich Gemahl,
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Die hinter dem Steine stand.

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Sie schaut' im Sonnenstrahl
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Hinunter den linden Hang,
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»wo bleibt der Graf von Thal?
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Ich hört' ihn doch reiten entlang!

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Ob das ein Hufschlag ist?
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Vielleicht ein Hufschlag fern?
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Ich weiß doch wohl ohne List,
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Ich hab' gehört meinen Herrn!«

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Sie bog zurück den Zweig.
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»bin blind ich oder auch taub?«
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Sie blinzelt' in das Gesträuch,
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Und horcht' auf das rauschende Laub.

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Öd war's, im Hohlweg leer,
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Einsam im rispelnden Wald;
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Doch überm Weiher, am Wehr,
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Da fand sie den Grafen bald.

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In seinen Schatten sie trat.
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Er und seine Gesellen,
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Die flüstern und halten Rat,
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Viel lauter rieseln die Wellen.

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Sie starrten über das Land,
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Genau sie spähten, genau,
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Sahn jedes Zweiglein am Strand,
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Doch nicht am Wehre die Frau.

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Zur Erde blickte der Graf,
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So sprach der Graf von Thal:
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»seit dreizehn Jahren den Schlaf
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Rachlose Schmach mir stahl.

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War das ein Seufzer lind?
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Gesellen, wer hat's gehört?«
35
Sprach Kurt: »Es ist nur der Wind,
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Der über das Schilfblatt fährt.« –

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»so schwör' ich beim höchsten Gut,
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Und wär's mein ehlich Weib,
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Und wär's meines Bruders Blut,
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Viel minder mein eigner Leib:

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Nichts soll mir wenden den Sinn,
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Daß ich die Rache ihm spar';
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Der Freche soll werden inn',
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Zins tragen auch dreizehn Jahr'.

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Bei Gott! das war ein Gestöhn!«
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Sie schossen die Blicke in Hast.
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Sprach Kurt: »Es ist der Föhn,
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Der macht seufzen den Tannenast.« –

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»und ist sein Aug' auch blind,
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Und ist sein Haar auch grau,
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Und mein Weib seiner Schwester Kind –«
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Hier tat einen Schrei die Frau.

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Wie Wetterfahnen schnell
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Die dreie wendeten sich.
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»zurück, zurück, mein Gesell'!
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Dieses Weibes Richter bin ich.

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Hast du gelauscht, Allgund?
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Du schweigst, du blickst zur Erd'?
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Das bringt dir bittre Stund'!
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Allgund, was hast du gehört?« –

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»ich lausch' deines Rosses Klang,
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Ich späh' deiner Augen Schein,
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So kam ich hinab den Hang.
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Nun tue was not mag sein.« –

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»o Frau!« sprach Jakob Port,
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»da habt ihr schlimmes Spiel!
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Grad' sprach der Herr ein Wort,
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Das sich vermaß gar viel.«

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Sprach Kurt: »Ich sag' es rund,
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Viel lieber den Wolf im Stall,
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Als eines Weibes Mund
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Zum Hüter in solchem Fall.«

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Da sah der Graf sie an,
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Zu einem und zu zwein;
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Drauf sprach zur Fraue der Mann:
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»wohl weiß ich, du bist mein.

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Als du gefangen lagst
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Um mich ein ganzes Jahr,
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Und keine Silbe sprachst:
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Da ward deine Treu' mir klar.

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So schwöre mir denn sogleich:
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Sei's wenig oder auch viel,
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Was du vernahmst am Teich,
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Dir sei's wie Rauch und Spiel.

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Als seie nichts geschehn,
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So muß ich völlig meinen;
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Darf dich nicht weinen sehn,
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Darfst mir nicht bleich erscheinen.

89
Denk nach, denk nach, Allgund!
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Was zu verheißen not.
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Die Wahrheit spricht dein Mund,
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Ich weiß, und brächt' es Tod.«

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Und konnte sie sich besinnen,
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Verheißen hätte sie's nie;
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So war sie halb von Sinnen,
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Sie schwur, und wußte nicht wie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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