Im Moose

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Annette von Droste-Hülshoff: Im Moose (1822)

1
Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land
2
Der Dämmrung leise Boten hat gesandt,
3
Da lag ich einsam noch in Waldes Moose.
4
Die dunklen Zweige nickten so vertraut,
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An meiner Wange flüsterte das Kraut,
6
Unsichtbar duftete die Heiderose.

7
Und flimmern sah ich, durch der Linde Raum,
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Ein mattes Licht, das im Gezweig der Baum
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Gleich einem mächt'gen Glühwurm schien zu tragen.
10
Es sah so dämmernd wie ein Traumgesicht,
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Doch wußte ich, es war der Heimat Licht,
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In meiner eignen Kammer angeschlagen.

13
Ringsum so still, daß ich vernahm im Laub
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Der Raupe Nagen, und wie grüner Staub
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Mich leise wirbelnd Blätterflöckchen trafen.
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Ich lag und dachte, ach so manchem nach,
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Ich hörte meines eignen Herzens Schlag,
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Fast war es mir als sei ich schon entschlafen.

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Gedanken tauchten aus Gedanken auf,
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Das Kinderspiel, der frischen Jahre Lauf,
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Gesichter, die mir lange fremd geworden;
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Vergeßne Töne summten um mein Ohr,
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Und endlich trat die Gegenwart hervor,
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Da stand die Welle, wie an Ufers Borden.

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Dann, gleich dem Bronnen, der verrinnt im Schlund,
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Und drüben wieder sprudelt aus dem Grund,
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So stand ich plötzlich in der Zukunft Lande;
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Ich sah mich selber, gar gebückt und klein,
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Geschwächten Auges, am ererbten Schrein
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Sorgfältig ordnen staub'ge Liebespfande.

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Die Bilder meiner Lieben sah ich klar,
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In einer Tracht, die jetzt veraltet war,
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Mich sorgsam lösen aus verblichnen Hüllen,
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Löckchen, vermorscht, zu Staub zerfallen schier,
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Sah über die gefurchte Wange mir
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Langsam herab die karge Träne quillen.

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Und wieder an des Friedhofs Monument,
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Dran Namen standen die mein Lieben kennt,
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Da lag ich betend, mit gebrochnen Knieen,
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Und – horch, die Wachtel schlug! Kühl strich der Hauch –
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Und noch zuletzt sah ich, gleich einem Rauch,
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Mich leise in der Erde Poren ziehen.

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Ich fuhr empor, und schüttelte mich dann,
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Wie einer, der dem Scheintod erst entrann,
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Und taumelte entlang die dunklen Hage,
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Noch immer zweifelnd, ob der Stern am Rain
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Sei wirklich meiner Schlummerlampe Schein,
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Oder das ew'ge Licht am Sarkophage.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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