Die Vogelhütte

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Annette von Droste-Hülshoff: Die Vogelhütte (1842)

1
Regen, Regen, immer Regen! will nicht das Geplätscher enden,
2
Daß ich aus dem Sarge brechen kann, aus diesen Bretterwänden?

3
Sieben Schuhe ins Gevierte, das ist doch ein ärmlich Räumchen
4
Für ein Menschenkind, und wär' es schlank auch wie ein Rosenbäumchen!

5
O was ließ ich mich gelüsten, in den Vogelherd zu flüchten,
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Als nur schwach die Wolke tropfte, als noch flüsterten die Fichten:

7
Und muß nun bestehn das Ganze, wie wenn zögernd man dem Schwätzer
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Raum gegeben, dem langweilig Seile drehnden Phrasensetzer;

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Und am Knopfe nun gehalten, oder schlimmer an den Händen,
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Zappelnd wie der Halbgehängte langet nach des Strickes Enden!

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Meine Unglücksstrick' sind dieser Wasserstriemen Läng' und Breite,
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Die verkörperten Hyperbeln, denn Bindfäden regnet's heute.

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Denk' ich an die heitre Stube, an das weiche Kanapee,
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Und wie mein Gedicht, das meine, dort zerlesen wird beim Tee:

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Denk' ich an die schwere Zunge, die statt meiner es zerdrischt,
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Bohrend wie ein Schwertfisch möcht' ich schießen in den Wassergischt.

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Pah! was kümmern mich die Tropfen, ob ich naß ob säuberlich!
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Aber besser stramm und trocken, als durchnäßt und lächerlich.

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Da – ein Fleck, ein Loch am Himmel; bist du endlich doch gebrochen,
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Alte Wassertonne, hab' ich endlich dich entzwei gesprochen?

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Aber wehe! wie's vom Fasse brodelt, wenn gesprengt der Zapfen,
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Hör' ich's auf dem Dache rasseln, förmlich wie mit Füßen stapfen.

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Regen! unbarmherz'ger Regen! mögst du braten oder sieden!
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Wehe, diese alte Kufe ist das Faß der Danaiden!

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Ich habe mich gesetzt in Gottes Namen;
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Es hilft doch alles nicht, und mein Gedicht
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Ist längst gelesen und im Schloß die Damen,
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Sie saßen lange zu Gericht.

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Statt einen neuen Lorbeerkranz zu drücken
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In meine Phöboslocken, hat man sacht
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Den alten losgezupft und hinterm Rücken
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Wohl Eselsohren mir gemacht.

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Verkannte Seele, fasse dich im Leiden,
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Sei stark, sei nobel, denk, der Ruhm ist leer,
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Das Leben kurz, es wechseln Schmerz und Freuden,
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Und was dergleichen Neugedachtes mehr!

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Ich schau mich um in meiner kleinen Zelle:
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Für einen Klausner wär's ein hübscher Ort;
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Die Bank, der Tisch, das hölzerne Gestelle,
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Und an der Wand die Tasche dort;

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Ein Netz im Winkelchen, ein Rechen, Spaten –
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Und Betten? nun, das macht sich einfach hier;
43
Der Thimian ist heuer gut geraten,
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Und blüht mir grade vor der Tür.

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Die Waldung drüben – und das Quellgewässer –
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Hier möcht' ich Heidebilder schreiben, zum Exempel:
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»die Vogelhütte«, nein – »der Herd«, nein besser:
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»der Knieende in Gottes weitem Tempel.«

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's ist doch romantisch, wenn ein zart Geriesel
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Durch Immortellen und Wacholderstrauch
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Umzieht und gleitet, wie ein schlüpfend Wiesel,
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Und drüber flirrt der Stöberrauch;

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Wenn Schimmer wechseln, weiß und seladonen;
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Die weite Ebne schaukelt wie ein Schiff,
55
Hindurch der Kiebitz schrillt, wie Halkyonen
56
Wehklagend ziehen um das Riff.

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Am Horizont die kolossalen Brücken –
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Sind's Wolken oder ist's ein ferner Wald?
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Ich will den Schemel an die Luke rücken,
60
Da liegt mein Hut, mein Hammer, – halt:

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Ein Teller am Gestell! – was mag er bieten?
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Fundus! bei Gott, ein Fund die Brezel drin!
63
Für einen armen Hund von Eremiten,
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Wie ich es leider heute bin!

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Ein seidner Beutel noch – am Bort zerrissen;
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Ich greife, greife Rundes mit der Hand;
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Weh! in die dürre Erbs' hab' ich gebissen –
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Ich dacht', es seie Zuckerkand.

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Und nun die Tasche! he, wir müssen klopfen –
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Vielleicht liegt ein Gefangner hier in Haft;
71
Da – eine Flasche! schnell herab den Pfropfen –
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Ist's Wasser? Wasser? – edler Rebensaft!

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Und Edlerer, der ihn dem Sack vertraute,
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Splendid barmherziger Wildhüter du,
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Für einen armen Schelm, der Erbsen kaute,
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Den frommen Bruder Tuck im Ivanhoe!

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Mit dem Gekörn will ich den Kiebitz letzen,
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Es aus der Lücke streun, wenn er im Flug
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Herschwirrt, mir auf die Schulter sich zu setzen,
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Wie man es liest in manchem Buch.

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Mir ist ganz wohl in meiner armen Zelle;
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Wie mir das Klausnerleben so gefällt!
83
Ich bleibe hier, ich geh nicht von der Stelle,
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Bevor der letzte Tropfen fällt.

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Es verrieselt, es verraucht,
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Mählich aus der Wolke taucht
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Neu hervor der Sonnenadel.
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In den feinen Dunst die Fichte
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Ihre grünen Dornen streckt,
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Wie ein schönes Weib die Nadel
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In den Spitzenschleier steckt;
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Und die Heide steht im Lichte
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Zahllos blanker Tropfen, die
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Am Wacholder zittern, wie
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Glasgehänge an dem Lüster.
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Überm Grund geht ein Geflüster,
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Jedes Kräutchen reckt sich auf,
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Und in langgestrecktem Lauf,
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Durch den Sand des Pfades eilend,
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Blitzt das goldne Panzerhemd
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Des Kuriers;
102
Streicht die Grille sich das Naß
103
Von der Flügel grünem Glas.
104
Grashalm glänzt wie eine Klinge,
105
Und die kleinen Schmetterlinge,
106
Blau, orange, gelb und weiß,
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Jagen tummelnd sich im Kreis.
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Alles Schimmer, alles Licht,
109
Bergwald mag und Welle nicht
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Solche Farbentöne hegen,
111
Wie die Heide nach dem Regen.

112
Ein Schall – und wieder – wieder – was ist das? –
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Bei Gott, das Schloß! Da schlägt es acht im Turme –
114
Weh mein Gedicht! o weh mir armem Wurme,
115
Nun fällt mir alles ein, was ich vergaß!
116
Mein Hut, mein Hammer, hurtig fortgetrabt –
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Vielleicht, vielleicht ist man diskret gewesen,
118
Und harrte meiner, der sein Federlesen
119
Indes mit Kraut und Würmern hat gehabt. –
120
Nun kömmt der Steg und nun des Teiches Ried,
121
Nun steigen der Alleen schlanke Streifen;
122
Ich weiß es nicht, ich kann es nicht begreifen,
123
Wie ich so gänzlich mich vom Leben schied –
124
Doch freilich – damals war ich Eremit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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