Dauer der Scribenten

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Friedrich von Hagedorn: Dauer der Scribenten (1731)

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Mein Cleon, Jahr' und Zeiten fliehen;
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Wie bald sind wir des Moders Raub!
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Wie bald sind wir und alles Staub,
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Was wir mit regem Kiel der Dunkelheit entziehen!
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Vergebens schreiben wir für Welt und Afterwelt,
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Vergebens werden wir, in Bänden, aufgestellt;
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Der Motten zahlreich' Heer zernagt mit frechem Zahn
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Den bestvergüldten Schnitt, den schönsten Saffian.

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Ja, Cleon! nähmen deine Schriften,
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Um jede Messe zu erfreun,
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Auch täglich zwanzig Pressen ein,
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Sie würden dir dennoch kein stetes Denkmal stiften.
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Dein stärkster Foliant, der Fluch für den, der schreibt,
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War Lumpe, ward Papier, wird Kehrig, wird zerstäubt.
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Ja, der Vergessenheit und der Verwesung Reich
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Macht Carl dem Großen dich, wie seiner Sprachkunst, gleich.

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Kein Rang, kein Ruhm kömmt uns zu statten,
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Der Tod sieht keinen Vorzug an,
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Und stellt den allergrößten Mann
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Zum Pöbel der gemeinen Schatten.
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Er fället ungescheut, der Eitelkeit zum Spott,
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Den König Galliens, wie den von Yvetot.
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Doch was sind Könige? Selbst Helden vom Parnaß
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Sind ihm so fürchterlich, als uns ein Hundibras.

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Verwahre deiner Weisheit Spuren,
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Das Werk, das deinen Witz bewährt,
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Mit Buckeln, die kein Wurm verzehrt,
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Mit ewigem Metall in Spangen und Clausuren:
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Auch dieses schützt dich nicht: vielleicht zerstückt es doch
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Der Schneider leichtes Volk, ein unbeles'ner Koch:
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Und was entblättern nicht der Haare Kräuselei,
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Tabak- und Käsekram, Confect und Specerei?

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So hat Eumolp dies Lied vollendet,
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Von schreiberischer Eitelkeit,
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Wie er vermeinte, ganz befreit,
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Und höhnisch auf den Stolz, der Schriftverfasser blendet.
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Doch sein Verleger kömmt, sein Tryphon, der ihn rührt,
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Ihm Lust und Feder schärft, ihn schmeichlerisch verführt.
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Er wagt ein neues Werk, er grübelt Tag und Nacht,
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Und schreibet um den Ruhm, den er zuvor belacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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