Lob unsrer Zeiten

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Friedrich von Hagedorn: Lob unsrer Zeiten (1731)

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Ihr Tadler, schweigt! ich will der Welt
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Den Vorzug unsrer Zeiten melden.
3
O wißt, wohin mein Blick nur fällt,
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In jedem Stand' entdeck' ich Helden.
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Ich will der Menschen Lob besingen
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Und schenke meiner Lieder Schall
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Dem tonbegier'gen Wiederhall;
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Der Plaudrer mag ihn weiter bringen.

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Du tausendzüngiges Gerücht,
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Ermüde nie im Ruhm der Zeiten;
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Verschweige ja von ihnen nicht
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Die hunderttausend Trefflichkeiten!
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Der Priester lebt nach seiner Lehre;
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Der Papst ist noch der Knechte Knecht;
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Der Feldherr suchet nichts als Recht;
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Der Handelsherr nur Treu' und Ehre.

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Nichts übertrifft die starke Zahl
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Gewissenhafter Advocaten,
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Die alle Jahre kaum einmal
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Die Rechte der Partei verrathen.
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Wer wollte nicht die Aerzte preisen?
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Stets bleibt's der Kranken Eigenschaft,
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Daß alle der Recepte Kraft,
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Lebendig oder todt, beweisen.

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Wie reich ist die gelehrte Welt
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An Wissenschaft und großen Geistern!
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Den Dank, den ihr Bemühn erhält,
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Darf Momus, unberufen, meistern.
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Er will sich an Scribenten reiben,
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Nur weil er selbst kein Lob gewinnt,
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Und sagt, daß sie zu sittsam sind,
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Zu spät und viel zu wenig schreiben.

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Was grünt euch für ein Lorbeerhain,
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Monarchen, Herrscher, Sieger, Retter!
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Ach! könntet ihr unsterblich sein,
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Durchlaucht'ge Fürsten, ihr wär't Götter.
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Wer kann doch eure Tugend fassen
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Und eurer Gaben Wechselstreit?
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Ihr habt nichts als die Dankbarkeit
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Und die Geduld uns überlassen.

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Der Staatsmann, der an Würden groß,
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Doch ungleich größer an Verstande,
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Sitzt jedem König in dem Schooß
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Und findet sich in jedem Lande.
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Regenten wissen zu regieren!
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Die Kunst zu herrschen lernt sich bald;
47
Denn alles steckt in der Gewalt
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Der Hände, die den Scepter führen.

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Der Britte, der die Fremden schätzt,
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Will einem jeden sich verbinden;
51
Der stille Franzmann übersetzt,
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Wir muntern Deutschen, wir erfinden.
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Lobt in Iberiens Provinzen
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Scherz, Freiheit, Wahrheit, Demuth, Fleiß;
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Lobt auch der Belgen steten Schweiß
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Und edlen Umgang mit den Münzen.

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Wie groß und vielfach ist der Ruhm,
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Mit dem der Europäer pranget,
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Der vor der Ehre Heiligthum,
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Auf so viel Wegen, angelanget!
61
Ich will kein Lob den Türken schenken;
62
Doch lernen sie uns ähnlich sein:
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Sie künsteln Frieden, trinken Wein
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Und reden immer wie sie denken.

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Ist unsre Zeit so vorzugsreich:
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Was wird denn künftig nicht geschehen?
67
Ihr Enkel, lebt und brüstet euch;
68
Ihr sollt noch größre Wunder sehen.
69
Nur eines bitt' ich von euch allen:
70
Laßt euch (dafern ihr jemals hört,
71
Wie sehr ich unsre Zeit verehrt)
72
Dieß eurer Väter Lob gefallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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