Die Vorzüge der Thorheit

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Friedrich von Hagedorn: Die Vorzüge der Thorheit (1731)

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Den Thoren ist ein Glück beschieden,
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Das vielen klugen Leuten fehlt.
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Die Herren sind mit sich zufrieden
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Und haben immer wohl gewählt.
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Was hilft es auch, nach Weisheit schnappen,
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Die oft dem Wirbel wehe thut?
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Den Thoren stehen ihre Kappen
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So zierlich als ein Doctorhut.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Der Thor, der allen Leuten glaubet;
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Der Thor, der keinem Menschen traut;
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Der, dem die Kargheit nichts erlaubet;
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Der sich sein Tollhaus fürstlich baut;
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Der Thor, der jeden Hof verachtet;
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Der Thor, der nichts, als Höfe, liebt:
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Ein jeder, wenn er sich betrachtet,
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Sieht etwas, das ihm Hochmuth gibt.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Ein Leitstern lichtbedürft'ger Künste,
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Ein junger Metaphysicus,
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Webt ein durchsichtiges Gespinnste
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Und stellt und heftet Schluß an Schluß.
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So glaubt er dir, o Wolf, zu gleichen,
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Und hat dennoch, du großer Mann!
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Von dir nur die Verbindungszeichen,
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Und sonst nichts, was dir gleichen kann.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Ein Schnarcher voller Schulgeschwätze
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Hält sich für einen Kirchenheld,
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Und gönnet dem Naemanns Krätze,
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Dem sein Systema nicht gefällt,
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Doch halt ... Ihr kennt der Eifrer Weise:
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Ihr Anhang horcht und rächet sich.
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O singt nicht, oder singt ganz leise;
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Denn dies Geschlecht ist fürchterlich.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Nicander wird durch vieles Klügeln
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So klug als ein geheimer Rath.
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In ihm kann selbst van Hoey sich spiegeln:
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Er kennet mehr als einen Staat.
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Er ist des deutschen Ruhms Vertreter;
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Und wär' er nicht geheimnißvoll:
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So lehrt' er euch, ihr Landesväter,
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Wie jeder von euch herrschen soll.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt;
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Ein Domherr schöpft aus seiner Pfründe
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Bald rothen und bald weißen Wein.
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Das scharfe Salz gelehrter Gründe
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Kann nimmermehr so schmackhaft sein.
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Er spart sich dem gemeinen Wesen,
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Und glaubet, was ein Alter schrieb:
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Und sein Paar Augen ist ihm lieb.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Die Sprache nach der Kunst zu zäumen
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Uebt viele Dichter lebenslang.
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Sie haschen blindlings nach den Reimen
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Und stimmen ihrer Schellen Klang.
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Vernunft und Wahrheit, seid gebeten,
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(dafern man ja an euch gedenkt)
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Den stolzen Reimen nachzutreten,
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Mit welchen uns Ruffin beschenkt.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Ein Wuchrer, den der Geiz den Schätzen,
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Den Flüchen und der Hölle weiht,
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Geneußt auf Erden kein Ergötzen,
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Als seines Mammons Sicherheit.
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Er tobet, daß die Fenster klingen,
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Wenn seiner Habsucht was entgeht:
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Doch in vergnügter Eintracht singen,
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Ist ihm ein Scherz, der übel steht.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Ihr Heuchler, müßt es nicht vergönnen,
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Daß man euch unempfindlich heißt.
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Erlaubet uns, euch recht zu kennen,
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So kennt man euren Lebensgeist.
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Ihr krümmet seufzend eure Köpfe;
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Doch euer Welthaß ist verstellt.
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Ihr seid empfindliche Geschöpfe:
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Ihr seid nur Thoren vor der Welt.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
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So wär' ihr schon die Macht geraubt.

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Ihr unberufnen Weltbekehrer!
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Entfernt euch, wo die Freude singt.
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Seid, euch zur Lust, beredte Lehrer:
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Nur schweiget, wo dies Glas erklingt.
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Thut ihr das oft und ohne Zanken,
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So mindert sich der Thoren Zahl,
132
Und wir besingen, euch zu danken,
133
Der Thorheit Lob nur noch einmal.

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Der Thorheit unverjährte Rechte
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Erstrecken sich auf jedes Haubt:
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Es ist im menschlichen Geschlechte
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Ihr Anhang größer, als man glaubt.
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Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte:
139
So wär' ihr schon die Macht geraubt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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