Mirene

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Friedrich von Hagedorn: Mirene (1731)

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Mirene stand an einer Quelle,
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Bei welcher schöne Veilchen blühn,
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Und sah um rasche Wasserfälle
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Die ungezählte Heerde ziehn.
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Die zählte sie mit wenig Freude,
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Und sprach: Kaum daß ich's dulden kann;
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Bei allen Weibchen, die ich weide,
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Treff' ich nur einen Widder an.

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Will meine Mutter mich nur hören,
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Ihr Schafe, so gelob' ich euch,
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Ich will bald euer Wohl vermehren,
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Und meines auch vielleicht zugleich.
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Ich kenne schon aus eignem Triebe,
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Wie ungerecht das Glück verfährt,
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Wann es der Jugend und der Liebe
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Die Freiheit und die Wahl verwehrt.

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Nichts auf der Welt ist fast verliebter,
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Als Damon, der sich mir geweiht:
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Doch auf der Welt ist nichts betrübter,
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Als seine trockne Zärtlichkeit.
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Er folgt mir, wo ich geh' und stehe,
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Und kennet noch nicht meine Brust.
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Ein solches Leben gleicht der Ehe:
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Allein, ihm fehlt noch ihre Lust.

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Er schneidet in die nahen Linden
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Wol zehnmal meines Namens Zug.
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Die Mühe kann mich zwar verbinden,
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Und ihm scheint auch mein Dank genug.
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Mein Lob erklingt auf seiner Leier;
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Mich wecket oft sein Saitenspiel:
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Hingegen wird er nimmer freier,
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Und ehret mich vielleicht zu viel.

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Ich ehrt' und liebt' ihn selbst vor Zeiten:
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Das aber that ich als ein Kind.
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Nun wachs' ich auf, und gleiche Leuten,
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Die klüger und erfahrner sind.
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Wahr ist's: mir hat er sich verschrieben.
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Soll ich daraus die Folge ziehn:
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Ich müsse Damon ewig lieben,
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Und keinen lieben, als nur ihn?

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Will hier ein Schäfer sich erfreuen:
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(mich däucht, ich merk' es ziemlich oft,)
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So führet er mich zu den Reihen,
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Und tanzt und küßt mich unverhofft.
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Ein einz'ger scheint mir zu gefallen.
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Verräth mir Damon seinen Neid,
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Ihr Schäfer: ja, so gönn ich allen
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Den Kuß, den Damon mir verbeut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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