Telephus, nach der neunzehnten Ode des Horaz

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Friedrich von Hagedorn: Telephus, nach der neunzehnten Ode des Horaz (1731)

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Du bist gelehrt, mein Telephus!
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Du weißt und du erzählst, wie manches Jahr verstrichen
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Vom fast vergeßnen Inachus
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Bis auf des Codrus Zeit, der, nach des Schicksals Schluß,
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Beherzt fürs Vaterland verblichen;
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Du kennst den Stamm des Aeacus:
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Von ihm nennt niemand uns geschwinder
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Die Kinder und die Kindeskinder:
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Und Trojens Göttersitz, um den Scamanderfluß
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Kennst du die Fliehenden, du kennst die Ueberwinder:
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O hochgelehrter Telephus!

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Hingegen hast du mir die Preise
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Der Chier Weine nie gemeldt,
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Auch nie den Ort der nächsten Schmäuse;
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Nicht, wo, noch wann man mir ein warmes Bad bestellt,
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Wenn ein Peligner Frost die Glieder überfällt.

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Gib, Schenke, gib vom Saft der Reben!
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Dem Neumond und der Mitternacht
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Sei dieser Weihtrunk ausgebracht.
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Gib noch den dritten Kelch: Es soll Muraena leben,
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Den sein Verdienst zum Augur macht!

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Aus jenen Bechern wählt, die euch die besten dünken.
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Drei- oder neunmal müßt ihr trinken.
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Der Dichter muß begeistert sein.
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Er weiß, es sind der Musen neun.
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Bald wird er den Bedienten winken,
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Der füll' ihm von dem Dichterwein
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In den Pocal neun Stutzer ein.
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Die Huldgöttin, zu der sich zum Vergnügen
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Die beiden nackten Schwestern fügen,
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Pflegt Zanklust und Verdruß zu scheun,
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Und sie erlaubt von solchen Zügen
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Nicht mehr als drei, euch andre zu erfreun.

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O daß der Ernst die Flucht erwähle!
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Mir lob' ich Lust und Raserei.
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Wie? Stimmt kein Spiel dem Jubel bei?
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Auf! daß die Flöte der Cybele
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Sich jetzt mit neuem Hauch beseele!
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Auf! auf! daß Leyer und Schalmei
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Die Töne wohlgepaart vermähle,
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Nicht unsern Freuden länger fehle,
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Nicht stumm der Wände Zierrath sei!
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Man sollte sich der Hände schämen,
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Die langsam sich zur Lust bequemen:
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Wie haß' ich ihre Zauderei!
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Streut Rosen aus; lärmt durch die Chöre,
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Daß unser tobendes Geschrei
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Des dürren Lycus Neid vermehre!
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Daß unsre Nachbarin, voll Scheu
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Vor dieses Alten Schmeichelei,
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Auf unser wildes Jauchzen höre!

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Du bist mein Telephus, an vollen Locken reich,
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Dem heitern Abendstern macht dich dein Anblick gleich,
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Und Chloe, die dir reift, lockt dich zu zarten Trieben.
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Erkenne, wie beglückt du bist,
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Da meine Glycera nicht so gefällig ist,
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Das Feuer kennt und nährt, das mich schon lange frißt,
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Und doch nicht eilet, mich zu lieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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