Erste Erzählung

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich von Hagedorn: Erste Erzählung (1731)

1
Nichts schmeckt so schön, als das gestohlne Brod.
2
Ein Sprichwort sagt's, das ich nicht falsch befinde.
3
Man prüfe sich! Liegt etwan im Verbot
4
Die stärkste Kraft, die Würze roher Sünde?
5
Es wird kein Trank gleichgültig angesehn,
6
Wenn ihn der Arzt uns ernstlich untersaget:
7
Und mancher wird was Strafbares begehn,
8
Nur weil sein Muth ein groß' Verbrechen waget.
9
Zwar nenn' ich nicht der Eva Vorwitz schön;
10
Doch gleiche Lust verleitet ihre Kinder,
11
Wie manche wird die erste Mutter schmähn,
12
Und fehlte doch in gleichem Fall nicht minder!

13
So sprach ein Mann, als, aus vermeinter Pflicht,
14
Sein junges Weib in strengem Zorn entbrannte,
15
Und Evens Fall und blinde Zuversicht,
16
Voll Spötterei, ich weiß nicht wie benannte.
17
Wie sollt' ich doch, so fing sie nochmals an,
18
Aus Lüsternheit, am Apfel mich zu laben,
19
Nicht mich allein, auch einen lieben Mann,
20
In solche Noth, wie sie gestürzet haben?
21
Gewiß, mich däucht, man fängt uns nicht so bald;
22
Wer würde wol jetzt einer Schlange trauen?
23
Ach Schade doch! die schlüpfrige Gestalt
24
Erweckt allein den Ekel blöder Frauen.
25
Nein, auf mein Wort! die Aepfel aller Welt
26
Sind ohne Kraft, dein Evchen zu verführen.
27
Was hat die Frucht, das uns so sehr gefällt?
28
Ist sie so süß, und muß man sie probiren?

29
Süß oder nicht! erwiedert ihr Gemahl,
30
Der Apfelbaum ist nicht ihr Fall gewesen:
31
Nur das Geheiß, das Even anbefahl,
32
Von diesem Baum die Frucht nicht abzulesen.
33
Sollt' ich von dir, nur etwas nicht zu thun,
34
Das gar nicht schön, ja widrig scheint, verlangen,
35
Mein kluges Weib, du würdest weder ruhn,
36
Noch fröhlich sein, bis du dich auch vergangen ...
37
Wer? ich? mein Herr ... Ja, freilich, eben du.
38
Besinne dich: sonst wag ich eine Wette ...
39
Gesagt, gethan ... Die Frau setzt hurtig zu,
40
Als ob ihr Geld sich schon verdoppelt hätte.

41
Beschäme denn die Even unsrer Zeit;
42
Die Probe soll nichts Schweres in sich fassen.
43
Was heute dir dein Henrich hart verbeut,
44
Das hast du stets freiwillig unterlassen.
45
Wem ist nicht hier der Entenpfuhl bekannt,
46
Die dir, wie mir, so sehr verhaßte Lache,
47
Wovon du sonst die Augen angewandt?
48
Ich glaube nicht, daß die dich lüstern mache.
49
Nur diesen Pfuhl verwehrt dir mein Gebot:
50
Gehst du in's Bad, wie sonst, dich abzukühlen,
51
So hüte dich, in seinem Schlamm und Koth,
52
Von morgen an, mit bloßem Fuß zu wühlen.
53
Ich sehe schon, das gehst du lächelnd ein;
54
Ich wollte nicht von dir zu viel begehren:
55
Doch soll auch dies dir bald erlaubet sein,
56
Denn mein Geheiß soll nur vier Wochen währen ...

57
Vier Wochen nur? Wie kurz ist diese Zeit!
58
Wer meidet nicht von selbst die garst'ge Pfütze?
59
Fürwahr! mein Mann ist heute nicht gescheidt,
60
Und weiß noch nicht, daß ich Verstand besitze.
61
Ich nehme mir schon Kleid und Kopfputz aus;
62
Die Wette wird mir mehr als dieses bringen.
63
Mir soll gewiß der nächste Hochzeitschmaus
64
Der Damen Neid, der Männer Lob erzwingen.

65
So schmeichelt sich das tugendhafte Weib.
66
Sie muß den Sumpf, wie sonst, vorübergehen;
67
Da wird der Sumpf nur seitwärts angesehen:
68
Dient auch ein Sumpf zur Lust, zum Zeitvertreib?
69
Doch bleibt sie bald bei dieser Pfütze stehen.
70
Sie ist damit zum ersten Mal vergnügt;
71
Den dritten Tag spaziert sie auf und nieder;
72
Am vierten scheint, was dort von Moder liegt,
73
Der Adelheid viel weniger zuwider.
74
Bald reizet sie sogar das trübe Grün;
75
Sie fängt fast an, die Enten zu beneiden,
76
Und deren Trieb, dem Entrich nachzuziehn,
77
Begeistert sie mit nie gespürten Freuden.

78
Des Menschen Herz wird stets ein Räthsel sein;
79
Groß ist sein Muth, noch größer seine Schwäche.
80
Ich schließe hier mit Recht die Weiber ein,
81
Zum mindsten halb, wenn ich von Menschen spreche.

82
Begier und Wunsch nimmt stündlich bei ihr zu.
83
Der kleine Zwang wird nur zu früh zur Strafe.
84
Der Vorwitz wächst; er bringt sie aus der Ruh',
85
Und stört sie oft des Nachts im ersten Schlafe.
86
Noch geht ein Tag, ein ganzer Tag, vorbei,
87
In stummer Furcht, den Unmuth anzuzeigen,
88
Bis Hannchen forscht. Die Zofe war getreu:
89
Sie sind allein; und wer kann ewig schweigen?
90
Sie hatte sonst ihr Alles anvertraut.
91
Jetzt, da sie ihr die Wette vorerzählet,
92
Lacht ungescheut das Mädchen überlaut,
93
Daß ihre Frau nur dieses ihr verhehlet.
94
Sie spricht hierauf: Sie zögern weiter nicht,
95
Und baden sich am ersten schönen Morgen.
96
Ein solcher Leib, ein herrschendes Gesicht
97
Läßt Häßlichen die Knechtschaft kleiner Sorgen.
98
In Spanien geht dieser Fußzwang an:
99
Doch wenn ich recht, nach meiner Einfalt, schließe,
100
So denk' ich dies: Dem Weib ist hier ein Mann
101
Des Leibes Herr, doch nicht ein Herr der Füße.
102
Erweisen Sie ein ächtes Frauenherz!
103
Ein hoher Geist ist selten zu geduldig.
104
Was andre schreckt, ist ihm ein bloßer Scherz;
105
Sie sind der Welt ein großes Beispiel schuldig.

106
Der Morgen kömmt; die Schöne geht aufs Feld,
107
Bemerkt den Pfuhl, doch anfangs nur von weiten,
108
Weil Furcht und Geiz den Fuß zurücke hält,
109
Will gleich die Lust ihn hier ins Wasser leiten.
110
Sie kömmt zuletzt an den bemoosten Rand,
111
Und hatte nur ihr Hannchen mitgenommen.
112
Die hält sie auf, und zeigt ihr mit der Hand
113
Der Enten Zug, die schwimmend näher kommen;
114
Wie diese taucht; wie jene schnatternd ruht;
115
Wie im Morast die gelben Schnäbel spielen;
116
Und dieses macht der Dame neuen Muth,
117
Von solchem Scherz den seltnen Reiz zu fühlen.
118
Sie sagt: Wohlan! den Spaß verstatt ich mir;
119
Ich will dennoch die Wette nicht verlieren.
120
Ich darf den Sumpf, ständ' auch mein Henrich hier,
121
Zum wenigsten mit einer Zeh' berühren.
122
Das will ich thun, und zwar den Augenblick:
123
Der tröste mich für die versäumten Tage!
124
Doch zeuch mich ja zu rechter Zeit zurück,
125
Dafern ich mich vergess', und weiter wage.
126
Der Anschlag wird behutsam ausgeführt,
127
Nichts will sie sonst, als den Pantoffel, netzen.
128
Und dreimal nur. Die Reue, die sie spürt,
129
Heißt sie den Fuß von selbst aufs Trockne setzen.

130
Ei nun! verflucht! hebt Hannchen an, und lacht,
131
Hat ihnen doch kein Priester das befohlen.
132
Was ist es denn, das sie so schüchtern macht?
133
Der Henker mag dergleichen Wetten holen.
134
Sie setzen frei die netten Füßchen drein,
135
Und gönnen nur dem Rechten erst die Ehre;
136
Doch soll es nicht hiemit gemeinet sein,
137
Als ob nicht auch ihr Linker artig wäre.

138
Das junge Weib folgt diesem Schlangenrath.
139
Pantoffel, Band und Strumpf wird abgeleget.
140
Der schönste Fuß, der je die Welt betrat,
141
Der einen Leib, der seiner werth ist, träget,
142
Entblößet sich, und rennet durch den Koth,
143
Vertiefet sich, und plätschert in der Lache,
144
Und wühlt und forscht, ob Vorwitz und Verbot
145
Den Ekel selbst zur Lust und Freude mache.

146
Der Mann, der ihr von ferne zugesehn,
147
Den weder sie, noch ihre Zof', entdecket,
148
Wischt jetzt hervor, und eilt, ihr nachzugehn,
149
Da sein Gemahl noch in dem Pfuhle stecket.
150
Sie springt heraus; er aber hält sie an,
151
Und spricht: Mein Schatz, ach schone deiner Füße!
152
Vergib es mir, wenn ich mich nicht besann,
153
Daß hier der Schlamm nur gar zu reizend fließe.
154
Entfliehe nicht; die Lache schenk' ich dir:
155
Fahr' immer fort, sie deiner Lust zu weihen.
156
Nur bitt' ich dich, mein Kind, gelobe mir,
157
Der Even Schuld großmüthig zu verzeihen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.