Der Löwe

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Friedrich von Hagedorn: Der Löwe (1731)

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Ihr Räthe, merkt in diesem Jahre,
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Merkt, was die treue Fabel schreibt,
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Der Clio Schwester, die das Wahre
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Auch diesem Mährchen einverleibt.
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Daß sie den Hochmuth nicht verletze,
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Nimmt sie den Schein der Einfalt an,
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Obgleich die Weisheit ihrer Sätze
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Orakel übertreffen kann.

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Es herrschte, stolz auf Stand und Ahnen,
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Der große Sultan Leopard,
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Der, stark durch Reich und Unterthanen,
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Durch Bundsgenossen stärker ward.
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Ihm huldigten die schwächern Thiere,
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Vasallisch und mit banger Pflicht;
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Das Wollenvieh und Hirsch und Stiere
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Gehörten vor sein Halsgericht.

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Dem Löwen ward ein Prinz geboren,
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Der Ruf erscholl im Augenblick.
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Es ward auch keine Zeit verloren;
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Man schickt Gesandten, und wünscht Glück.
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Das Schrecken mächtiger Regenten,
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Der Vater, starb, nicht sehr betagt.
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Man übte sich in Complimenten,
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Man schickt Gesandten, lobt und klagt.

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Der Sultan läßt den Brandfuchs kommen,
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Denn dieser Schalk war sein Vizir.
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Du weißt, spricht er, was wir vernommen:
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Der Löw' ist todt; was fürchten wir?
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Der Waise muß sich schon bequemen,
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Und ihn beklag' ich in der That:
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Uns kann er auch kein Zicklein nehmen;
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Er hüte das nur, was er hat.

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Herr, sagt der Fuchs, spart eure Güte
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Für andre Waisen, als für ihn.
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Ihr zieht wol nicht in sein Gebiete;
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Er kann, vielleicht, in eures ziehn.
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Entschmeichelt euch dem nahen Rachen,
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Macht ihn zum nachbarlichen Freund;
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Wollt ihr ihn nicht zum Freunde machen,
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So eilt, und schwächet diesen Feind.

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Zwar bin ich kein Aspectenmesser,
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Allein ich wittre Zank und Krieg,
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Und unsre bärtchen Menschenfresser
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Verhindern nicht des Löwen Sieg.
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Ihm ist das Glück der Waffen eigen,
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Nie wird er, eingeschläfert, ruhn,
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Und, wann sich seine Rotten zeigen,
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Ach! so behalten wir kein Huhn.

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Der Sultan hält die Furcht für eitel,
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Und, so wie Mupf die Lehrer hört,
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Vernimmt er Worte, kratzt die Scheitel,
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Gähnt, und entschlummert unbekehrt.
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Bald aber zeigt die schnelle Strafe
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Die Folgen großer Sicherheit.
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Der Löwe weckt ihn aus dem Schlafe:
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Er kömmt, und mit ihm Muth und Streit.

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Man meldet das den Bundsgenossen,
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Macht Lärm, und schreit verwirrungvoll.
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Lang' ist der Divan unentschlossen,
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Wie man den Einfall hemmen soll.
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Man fragt den Fuchs. Wie sehr gewöhnen
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Wir uns zur blinden Zuversicht!
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Spricht er. Laßt uns den Feind versöhnen,
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Und fremder Hilfe trauet nicht.

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Thun viele Helfer Wunderwerke?
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O nein. Der Löwe hat nur drei:
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Den Muth, die Wachsamkeit, die Stärke,
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Und siegreich stehn ihm diese bei.
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Gebt ihm, daß er nicht mehr entführe,
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Ein Schaf, ein Reh, ein feistes Rind:
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Kurz, eines der geringern Thiere,
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Die unserm Reich entbehrlich sind.

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Sein Vorschlag wird verzagt befunden:
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Der Reichsrath dachte nicht, wie er.
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Man rüstet sich, wird überwunden,
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Und macht sich Krieg und Frieden schwer.
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Dies lehrt uns eine Wahrheit fassen,
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Die Regel der Regierungskunst:
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Wollt ihr den Löwen wachsen lassen,
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So suchet zeitig seine Gunst.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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