Ulysses und seine Gefährten

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Friedrich von Hagedorn: Ulysses und seine Gefährten (1731)

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Ulysses und der Rest der ihm getreuen Schaaren,
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Die, vielen Helden gleich, nur selten glücklich waren,
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Verließen kaum der Lästrigoner Land,
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Als ihr Verhängniß sie zu einer Insel führte,
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Wo Circe königlich regierte,
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Die mit Medeens Kunst Medeens Reiz verband.

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Im Thal steht ihr Palast. Gekrümmt zu ihren Füßen,
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Läßt sich ihr Löwe dort von ihrem Arm umschließen.
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Ihr Wolf verlernt die würgende Gewalt.
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Vier Töchter der Natur, der Wälder und der Quellen,
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Und der ins Meer verströmten Wellen,
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Bedienen Circen stets in jenem Aufenthalt.

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Der Nymphen Göttin singt. Die frohen Haine hallen,
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Da Zephyrs Hauch und Scherz in ihren Haaren wallen,
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Die uns Homer, der Haare Kenner preist.
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Sie labt Ulyssens Volk: es zecht mit sicherm Muthe,
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Bis plötzlich ihre Zauberruthe
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Dieß Volk zu Thieren schlägt, und ihre Kraft beweist.

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Eurylochus entrinnt, und sagt, daß diese Thoren
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Der Sängerin gefolgt, und alle sich verloren.
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Ulyß macht sich, sie zu entdecken, auf.
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Da soll ihm nun Mercur ein Kraut verehret haben;
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Jetzt aber schenkt er reichre Gaben;
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Der güldne Wucher ist sein heut'ger Lebenslauf.

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Doch war es nicht dieß Kraut, das damals ihn beschützte,
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Noch sein entblößtes Schwert, womit er drohend blitzte,
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Als er nunmehr vor Circens Augen kam.
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Es war die Männlichkeit in seinen Heldenblicken,
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Und ihre Sehnsucht, ihr Entzücken,
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Was ihr die Kraft und Lust, ihn zu verwandeln, nahm.

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Er sah, und konnte das nicht ohne Zähren sehen,
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Er sah, die er gesucht, als Thiere, vor sich stehen,
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Doch unerkannt bei ihrer Wiederkunft.
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Ach! ruft Ulysses aus, ach Circe! laß dich rühren,
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Und gib, aus Mitleid, diesen Thieren
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Die vorige Gestalt, die Sprache, die Vernunft.

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Göttinnen dürfen stets ihr ganzes Herz erklären.
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Aus Mitleid, sagt sie ihm, werd' ich dir nichts gewähren;
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Aus Liebe nur geh' ich dein Bitten ein.
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Ich will es, daß sie dir, als Menschen, folgen sollen:
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Doch frage sie, ob sie auch wollen.
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Dein Löwe kömmt hieher! laß ihn den ersten sein.

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Ulysses red't ihn an: Mein Wächter, mein Getreuer,
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Es endigt heute sich dein seltnes Abenteuer.
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So bald du willst, bist du ein Mensch, wie wir.
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Der Löwe, der sogleich aus wildem Eifer schnaubte,
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Spricht, da er noch zu brüllen glaubte:
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So thöricht bin ich nicht; die Menschheit gönn' ich dir.

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Ich bleibe, was ich bin. Nur so erweck' ich Grauen,
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Durch meiner Zähne Raub und durch den Sieg der Klauen.
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Mir kömmt kein Feind unüberwindlich nah'.
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Sonst war ich dein Soldat: ein Kriegsknecht gilt nur wenig.
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In jenem Walde bin ich König:
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Den reizt kein Bürgerstand in deinem Ithaca.

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Nun wird der Bär befragt: Willst du zum Menschen werden?
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Du warst der schönste Kerl an Bildung und Geberden:
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Nun sieht man fast nichts häßlicher, als dich.
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Ich häßlich? brummt der Bär: Nein! schön, nach Art der Bären.
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Das könnte dir mein Schatz erklären:
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Die liebt den Honig selbst nicht halb so sehr, als mich.

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Woher bist du so klug? Was macht, daß von Gestalten
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Dir jene widrig sind, und die dein Lob erhalten?
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Nur Vorurtheil, Gewohnheit, Eigensinn.
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Gefall' ich dir denn nicht, so meide dieß Gehege,
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So packe dich aus meinem Wege.
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Mit Lust geh' ich zu Holz, und bleibe, was ich bin.

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Ulysses spricht zum Wolf: Wie viel ist dir entrissen!
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Die Hoffnung und das Recht, die Schäferin zu küssen,
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Die nun das Schaf, das du verschlingst, beweint.
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Die Heerden fliehen dich; sonst schütztest du die Heerden:
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Doch, was du warst, das kannst du werden.
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Wohlan! Sei wiederum ein Mensch und Menschenfreund.

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Ihn hört der Wolf, und sagt: Wo gibt es Menschenfreunde?
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Die Menschen selber sind der Menschen ärgste Feinde,
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Und einer ist dem andern Wolf und Bär.
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Die Kunst, zu gleicher Zeit zu schmeicheln und zu hassen,
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Will ich euch Menschen überlassen:
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Seit ich vom Hofe bin, fällt mir die Falschheit schwer.

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Das Schaf, das ich, aus Trieb und aus Beruf, gefressen,
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Das hättest du wol selbst, doch zierlicher, gegessen.
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Herr, mein Geschmack ist hier dem deinen gleich.
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Soll ich, als Wolf, als Mensch, ja Räubereien treiben,
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So will ich stets ein Wolf verbleiben.
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Dann bin ich glücklicher; die Reue trifft nur euch.

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Laertens Sohn erforscht die übrigen Gefährten,
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Und die erklären sich, wie jene sich erklärten.
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Sie sind mit Lust den Thieren zugesellt.
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Stand, Ruhm, Unsterblichkeit reizt sie zu keinem Neide.
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Der freie Wald ist aller Freude.
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Nicht weiser ist der Mensch: er wählt, was ihm gefällt.

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Und was gefällt uns denn? Kann Wahrheit uns vergnügen?
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O nein! wir sind geneigt, uns selber zu betrügen.
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Empfindungen weicht unsrer Schlüsse Kraft.
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Vergnüget uns ein Recht, das Aller Wohlfahrt stützet?
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So lang es unsrer Absicht nützet.
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Was unser Thun bestimmt, ist Wahn und Leidenschaft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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