Jupiter, die Thiere und der Mensch

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Friedrich von Hagedorn: Jupiter, die Thiere und der Mensch (1731)

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Als Jupiter der unbewohnten Erde
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Die Menschen und die Thiere schuf,
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Bestimmt er jeglichem den künftigen Beruf,
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Des Lebens Art und Zeit und Arbeit und Beschwerde.

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Zum Esel sagte Zeus: Dein Schicksal legt dir Last
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Und harte Knechtschaft auf; nur Disteln, keine Mast.
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Das ist dein Loos. Wohlan! so dien', und lebe
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So viele Jahr', als ich dem Monat Tage gebe.
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Der Esel Erstling schreit: Zu viel legst du mir bei.
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Wie? dreißig Jahre! Zeus! ach nimm mir zwanzig Jahre.
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Sonst quäl' ich mich zu lang: es graun mir schon die Haare.
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Der große Zeus erhört sein flehendes Geschrei.

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Zum Hunde spricht er: Wache fleißig!
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Hüt' eifrig Trift und Haus! du überkamst von mir
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Muth, Treue, Fertigkeit, und du erreichst dafür
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An edlen Jahren fünfunddreißig ...
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Das Wächteramt ist schwer: ich bitte, Herr, von dir,
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Die Dauer meiner Pflicht aus Mitleid einzuschränken,
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Und fünfundzwanzig mir zu schenken.
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Die Gunst gewähret ihm der Gott.

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Zum Affen sagt er drauf: Du Halbmensch, deine Mienen,
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Dein ganzes Wesen kann zu nichts als Kurzweil dienen.
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Sei nackt, gefesselt, arm, der Kinder Lust und Spott,
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Und der Bedienten Spiel, auf sechs Olympiaden.
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Sechs! spricht der Aff', o gib mir doch aus Gnaden
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Nur vier. Die sind genug. Nur lächerlich zu sein,
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Bedarf ich wenig Zeit. Zeus räumt die Zeit ihm ein.

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Es nähert sich der Mensch. Zeus spricht: Du, meine Freude,
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Du zierst mein neues Weltgebäude.
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Du bist mein Meisterstück. Es sei die Erde dein!
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Für dich sei sie so schön, so fruchtbar, so voll Schätze.
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Versäume nicht, dich zu erfreun,
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Weil ich zum Leben dir nur dreißig Sommer setze.
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Fast wie beim ersten Blitz, beim ersten Donnerschlag
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Erschrak der Mensch, und sagt: O Zeus, dein Schöpfungstag
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Bereichert mich mit deinen besten Gaben;
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Doch, soll mein Dasein nur so wenig Jahre haben?
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Das ist bejammernswerth! Dafern ich wählen mag,
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So wähl' ich mir zu meinem längern Leben,
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Was Esel, Hund und Aff' an ihrem aufgegeben.
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Es sei! spricht Jupiter: doch dies bleibt festgestellt:
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Dein längres Alter soll, nach jenen dreißig Jahren,
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Auch jedes Thieres Stand erfahren,
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Dem ich die Zeit erließ, die jetzt der Mensch erhält.

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Ganz unveränderlich ist dieser Götterschluß.
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Nur unsre Jugend ist der Sitz der Fröhlichkeiten.
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Wir spielen dreißig Jahr', ohn' Ernst und Ueberdruß,
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Wir kennen nicht den Zwang der strengern Folgezeiten,
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Und unser Leben ist Genuß.
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Uns wollte Jupiter nur dieses Alter geben.
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Ach hätte doch dieß Flehen nichts erreicht,
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Und uns kein Wahn verführt, nach fernerm Ziel zu streben!
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Kaum, daß der Menschen Lenz, die Zeit der Lust, verstreicht,
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So überladen uns mit ungewohnten Bürden
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Der Haus- und Ehestand, Geschäfte, Pflichten, Würden,
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Bis daß der Thiere Herr dem trägsten Lastthier gleicht.
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Der Fünfzigjährige besitzt nur seine Güter,
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Vermeidet den Gebrauch, entbehret, was er hat,
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Häuft, rechnet, zählt, verschließt, scheut Diebstahl und Verrath,
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Ist schlaflos, wie sein Hund, auch ein so scharfer Hüter.
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Der ganz verlähmte Greis, der kümmerlich sich regt,
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Sitzt, wie der Halbmensch an der Kette.
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Noch glücklich, wenn er nicht auch dessen Schicksal hätte,
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Daß Kind und Knecht und Magd ihn zu belachen pflegt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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