Der Stieglitz und der Sperling

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Friedrich von Hagedorn: Der Stieglitz und der Sperling (1731)

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Der Schönen nach der Welt,
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Die unser Lob erhält
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Und, voller Dankbarkeit,
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Uns holde Mäulchen leiht,
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Die jeder, der recht liebt,
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Ihr zehnfach wiedergibt;
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Der weiht sich insgeheim
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Ein jugendlicher Reim,
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Den, ohne Neid und Groll,
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Kein Alter lesen soll.

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Du kennst den stillen Wald,
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Der Freuden Aufenthalt,
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Die Einsamkeit und Nacht
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Nur Kennern schöner macht.
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Dort, wo ich dir im Thal
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Die letzten Küsse stahl,
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Dort ahmet Laub und Bach
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Den Schmätzchen rauschend nach;
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Dort lockten Lieb' und Mai
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Die Vögel jüngst herbei.

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Man sagt, daß in der Schaar
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Ein junges Weibchen war,
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Ein Vogel deiner Art,
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Nett, schalkhaft, hüpfend, zart,
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Der kaum das Nest verließ,
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Die ersten Federn wies,
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Dem, der ihn artig fand,
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Nur spielend widerstand,
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Und dennoch meisterlich
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Der Leidenschaft entwich.

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Ein Stieglitz, dessen Tracht
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Die Vögel neidisch macht,
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Klagt seufzend seine Pein,
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Und hofft erhört zu sein.
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Ach! spricht er, lenkte sich
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Doch deine Huld auf mich;
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So würde meine Treu'
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Mit jedem Tage neu,
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Die deiner Artigkeit
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Mein Herz auf ewig weiht!

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Wenn meiner Töne Spiel
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Dir jemals wohlgefiel;
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Wenn vielen reizend klang,
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Was dein Verehrer sang:
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So soll der ganze Hain
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Hinfort ein Zeuge sein,
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Daß mir kein Lied entfällt,
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Das nicht dein Lob enthält.
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Der nahe Wiederhall
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Vermehr' es überall!

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Ein Sperling ruft ihm zu:
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Ich singe nicht wie du.
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Wer aber zweifelt dran,
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Daß ich gefallen kann?
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Die mir sich frei ergibt,
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Wird auch von mir geliebt,
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Und die geliebet ist,
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Wird oft von mir geküßt,
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Und die mein Kuß belehrt,
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Ist hundert Lieder werth.

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Wer glaubet, daß ein Kuß
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Viel Süßes wirken muß,
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Viel seltne Lust verspricht,
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Mich dünkt, der irret nicht.
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Das Weibchen sah allein
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Die große Wahrheit ein:
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Des Sängers Treu' und Kunst
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Erwirbt nicht ihre Gunst.
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Ein schneller Seitenblick
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Verräth des Sperlings Glück.

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Sie schwingt sich bald empor,
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Kömmt ihrem Spatz zuvor,
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Und fliegt mit frohem Sinn
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Zur hohlen Weide hin.
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Er nimmt sie in sein Nest,
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Und hält ein Liebesfest,
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Dem keine Freude fehlt,
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Weil die nur ihn erwählt,
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Die in der ganzen Schaar
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Die Allerschönste war.

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Der Adler herrscht und raubt,
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Das ist der Macht erlaubt;
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Der königliche Pfau
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Trägt seinen Schweif zur Schau;
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Der muntre Kranich wacht;
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Der Falk' siegt in der Schlacht;
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Die kleine Nachtigall
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Scherzt mit dem Wiederhall:
89
Ein Sperling liebt, und küßt;
90
Sagt, ob er glücklich ist?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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