Der Blumenkranz

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Friedrich von Hagedorn: Der Blumenkranz (1731)

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Dort, wo die Alster sich in engen Ufern krümmt,
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Und rauschend ihren Lauf durch Busch und Wälder nimmt,
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Wo deutsche Treue sich beim deutschen Handschlag findet,
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Des Landmanns froher Fleiß für sich die Garben bindet
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Und alte Freiheit noch den angeerbten Hut
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Frisch in die Augen drückt, und unbefehdet ruht;
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Da ist ein kühler Ort, dem keine Schönheit fehlet,
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Den Amor hundert Mal der Eifersucht verhehlet,
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Und dem allein entdeckt, der ihn zum Führer wählet.

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Der Zephyr folgt mit Lust den kurzen Wellen nach,
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Die hier in grüne Tiefen fallen;
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Die Schäfer nennen's einen Bach,
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Wir Dichter fließende Krystallen.
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Ein dick' Gesträuch umschränkt die innre Spur,
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Wohin oft Wunsch und Sehnsucht leiten,
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Auf diesen Platz lockt uns die Liebe nur,
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Und ihre Mutter, die Natur.

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Hier saß Matild'. Es eilet ihr zur Seiten
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Ein kleiner Schwarm verbuhlter Fröhlichkeiten:
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Der schlaue Scherz, die süße Schmeichelei,
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Die Hoffnung selbst, und Reinhold kömmt herbei,
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Der sie so oft besingt, so unverstellt verehret,
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Und in der Einsamkeit sie blos aus Liebe störet.

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Auf seinen Wangen ist zu schaun,
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Anstatt der Jugend Milch, ein lebhaft, männlich Braun.
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Den Augen fehlt kein Geist, noch Ehrfurcht den Geberden.
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Er hat, was man gebraucht, nie sehr gehaßt zu werden.

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Dies ist des Reinholds Bild, der seiner Schönen Hand
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Voll auserles'ner Blumen fand,
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Woraus sie einen Kranz zu knüpfen angefangen,
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Den unerkauften Schmuck, mit dem nur Hirten prangen.

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Allein, sobald sie hier den muntern Freund erblickt,
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Will ihr die Arbeit nicht, so wie zuvor, gelingen.
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Fast jeder Stengel wird durch ihr Versehn zerknickt,
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Und Reinhold wird versandt, ihr frische herzubringen.
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Er thut es; doch umsonst, und siehet mit Verdruß
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Die Blumen, die er reicht, so wie die ersten, brechen.
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Dies, spricht er, ist zu viel! Ich will durch öftern Kuß
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Die Unvorsichtigkeit bei jeder Blume rächen.
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Sie lächelt, und schweigt still, fängt auch von neuem an.
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Wiewol, wer kann vorher des Schicksals Tücke wissen?
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Da ihr auch der Versuch noch minder glücken kann,
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So wird der ganze Kranz, voll Ungeduld, zerrissen;
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Und Reinhold gibt nunmehr gerechter Strenge Raum.
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Wem wird im Küssen nicht die Rache süßer schmecken?
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Er nähert sich, sie seufzt: er straft, sie murret kaum.
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Hier schließt sich Busch und Wald, sie hilfreich zu verstecken.

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Man glaubt, sie thaten dies, was einst Aeneas that,
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Als Dido und der Held in einer Höhle waren.
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Was aber thaten die? Wer das zu fragen hat,
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Der ist nicht werth, es zu erfahren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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