Johann, der Seifensieder

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Friedrich von Hagedorn: Johann, der Seifensieder (1731)

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Johann, der muntre Seifensieder,
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Erlernte viele schöne Lieder,
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Und sang, mit unbesorgtem Sinn,
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Vom Morgen bis zum Abend hin,
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Sein Tagwerk konnt' ihm Nahrung bringen:
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Und wann er aß, so mußt' er singen;
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Und wann er sang, so war's mit Lust,
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Aus vollem Hals und freier Brust.
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Beim Morgenbrod, beim Abendessen
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Blieb Ton und Triller unvergessen;
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Der schallte recht; und seine Kraft
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Durchdrang die halbe Nachbarschaft.
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Man horcht; man fragt: Wer singt schon wieder?
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Wer ist's? Der muntre Seifensieder.

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Im Lesen war er anfangs schwach;
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Er las nichts, als den Almanach,
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Doch lernt' er auch nach Jahren beten,
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Die Ordnung nicht zu übertreten,
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Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein,
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Oft singend, öfter lesend, ein.
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Er schien fast glücklicher zu preisen,
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Als die beruf'nen sieben Weisen,
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Als manches Haubt gelehrter Welt,
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Das sich schon für den achten hält.

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Es wohnte diesem in der Nähe
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Ein Sprößling eigennütz'ger Ehe,
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Der, stolz und steif und bürgerlich,
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Im Schmausen keinem Fürsten wich:
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Ein Garkoch richtender Verwandten,
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Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,
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Der stets zu halben Nächten fraß,
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Und seiner Wechsel oft vergaß.

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Kaum hatte mit den Morgenstunden
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Sein erster Schlaf sich eingefunden,
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So ließ ihm den Genuß der Ruh'
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Der nahe Sänger nimmer zu.
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Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,
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Vermaledeiter Seifensieder?
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Ach wäre doch, zu meinem Heil,
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Der Schlaf hier, wie die Austern, feil!

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Den Sänger, den er früh vernommen,
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Läßt er an einem Morgen kommen,
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Und spricht: Mein lustiger Johann!
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Wie geht es euch? Wie fangt ihr's an?
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Es rühmt ein jeder eure Waare:
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Sagt, wie viel bringt sie euch im Jahre?

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Im Jahre, Herr? mir fällt nicht bei,
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Wie groß im Jahr mein Vortheil sei.
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So rechn' ich nicht; ein Tag bescheeret,
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Was der, so auf ihn kömmt, verzehret.
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Das folgt im Jahr (ich weiß die Zahl)
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Dreihundertfünfundsechzig Mal.

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Ganz recht; doch könnt ihr mir's nicht sagen,
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Was pflegt ein Tag wol einzutragen?

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Mein Herr, ihr forschet allzusehr:
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Der eine wenig, mancher mehr;
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So wie's dann fällt: Mich zwingt zur Klage
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Nichts, als die vielen Feiertage;
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Und wer sie alle roth gefärbt,
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Der hatte wol, wie ihr, geerbt,
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Dem war die Arbeit sehr zuwider,
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Das war gewiß kein Seifensieder.

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Dies schien den Reichen zu erfreun.
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Hans, spricht er, du sollst glücklich sein.
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Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler.
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Da hast du baare fünfzig Thaler:
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Nur unterlasse den Gesang.
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Das Geld hat einen bessern Klang.

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Er dankt, und schleicht mit scheuem Blicke,
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Mit mehr als diebscher Furcht zurücke.
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Er herzt den Beutel, den er hält,
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Und zählt, und wägt, und schwenkt das Geld,
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Das Geld, den Ursprung seiner Freude,
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Und seiner Augen neue Weide.

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Es wird mit stummer Lust beschaut,
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Und einem Kasten anvertraut,
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Den Band und starke Schlösser hüten,
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Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten;
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Den auch der karge Thor bei Nacht
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Aus banger Vorsicht selbst bewacht.
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Sobald sich nur der Haushund reget,
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Sobald der Kater sich beweget,
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Durchsucht er alles, bis er glaubt,
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Daß ihn kein frecher Dieb beraubt;
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Bis, oft gestoßen, oft geschmissen,
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Sich endlich beide packen müssen:
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Sein Mops, der keine Kunst vergaß,
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Und wedelnd bei dem Kessel saß:
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Sein Hinz, der Liebling junger Katzen;
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So glatt von Fell, so weich von Tatzen.

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Er lernt zuletzt, je mehr er spart,
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Wie oft sich Sorg' und Reichthum paart,
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Und manches Zärtlings dunkle Freuden
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Ihn ewig von der Freiheit scheiden,
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Die nur in reine Seelen strahlt,
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Und deren Glück kein Gold bezahlt.

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Dem Nachbar, den er stets gewecket,
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Bis der das Geld ihm zugestecket,
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Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh',
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Den vollen Beutel wieder zu,
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Und spricht: Herr, lehrt mich bess're Sachen,
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Als, statt des Singens, Geld bewachen.
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Nehmt immer euren Beutel hin,
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Und laßt mir meinen frohen Sinn.
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Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden.
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Ich tausche nicht mit euren Freuden.
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Der Himmel hat mich recht geliebt,
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Der mir die Stimme wieder gibt.
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Was ich gewesen, werd' ich wieder:
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Johann, der muntre Seifensieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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