Der Adler, die Sau und die Katze

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Friedrich von Hagedorn: Der Adler, die Sau und die Katze (1731)

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Tyrannin! die du jung und alt
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Mit unumschränkter Macht regierest!
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Dich mit der weiblichen Gestalt
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Der meisten Mode-Laster zierest,
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Und bald des Stolzes, bald der List,
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Auch oft der Einfalt Zuflucht bist,
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Verleumdung! deren Mund die Wahrheit selbst betäubet,
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Der Mund, den Zucht und Unschuld scheut;
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Dir sei zum ersten Mal ein Blatt von mir geweiht,
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Das jetzt ein Meisterstück, das du vollführt, beschreibet!

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Es hatt' auf einem hohen Baum
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Der Vögel Königin den Obersitz genommen,
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Die Katze wählte sich der Eiche mittlern Raum.
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Den untersten hatt' eine Sau bekommen.
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Die hielten gute Nachbarschaft;
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Durch Argwohn war noch nie die Eintracht unterbrochen;
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Doch endlich trennte sie der Bosheit Höllenkraft,
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Die Katze kam zum Adler hingekrochen,
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Und sprach: Hört! unsrer Kinder Tod,
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Wo nicht der unsere, (doch, das zu unterscheiden,
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Fällt Mutterherzen schwer) scheint gar nicht zu vermeiden.
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Ein guter Freund warnt in der Noth.
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Seht, ach! ich bitte, seht! wie wühlt die wilde Sau!
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Sie gräbt, und will den Baum ganz aus der Wurzel heben.
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Trau', schaue wem; wie muß ich arme Frau
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An unsern Kindern das erleben!
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Ihr kennt nicht die Gefahr; mir aber, mir ist bange!
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Sobald die Eiche fällt, die schon beschädigt ist,
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So seh' ich's, wie die Sau die lieben Kätzchen frißt,
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Die ich verlass'nes Weib noch voller Furcht umfange.
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Ich bin den Lügen gram; ich suche keinen Zwist;
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Nein, ehrlich, ehrlich währet lange.

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Nachdem sie das gesagt, und mit verstelltem Sinn
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Den Argwohn gleich erweckt, auf den ihr Reden zielte,
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So schlich die schlaue Frau stracks zu der Bache hin,
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Die unten ihre Wochen hielte.

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Ach! allerliebste Nachbarin,
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Euch ahnt's wol nimmermehr, warum ich traurig bin.
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Die Kinder jammern mich, die eure Brüste saugen.
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Man traue keinen Adleraugen!
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Könnt ihr auch schweigen? Gebt doch Acht,
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Wie über uns der böse Vogel wacht.
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Ich weiß es nur zu wohl, er schärfet schon die Klauen,
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Und raubet, wenn ihr euch aus eurem Lager macht,
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Die schönen Kinderchen; doch alles im Vertrauen.
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Nur sagt mir nicht hernach: Das hätt' ich nicht gedacht!

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Dies wiederholt sie oft, wünscht seufzend gute Nacht,
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Und klettert in ihr Loch zurücke,
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Und freut sich der gelungnen Tücke.

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Der Adler hütet stets das Nest,
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Damit der Bache Zahn nicht seine Jungen spieße,
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Wie gegentheils die Sau die Eiche nicht verläßt,
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Damit der Adler nicht auf ihre Ferkel schieße.
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So groß nun beider Mangel war,
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So fürchteten sie doch der Ihrigen Gefahr,
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Und da sie jederzeit in ihrer Wohnung blieben,
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Wo jedem Kost und Wasser fehlt,
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So wurden auch, wie Phädrus uns erzählt,
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Sie insgesammt von Durst und Hunger aufgerieben,
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Und die Betrognen dienten bald
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Dem falschen Katzenmaul zum neuen Unterhalt.

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Was können böse Zungen nicht
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Leichtgläubigen für Stacheln hinterlassen?
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Was richten sie nicht an? Wer ist wol mehr zu hassen,
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Als der von Frommen übel spricht?
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O könnt' ich dieses hier in kurze Worte fassen!
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Doch Sirach that es schon, der ungeheuchelt schrieb:
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Wer lüget, wer verleumd't, ist ärger, als ein Dieb.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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