Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit

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Friedrich von Hagedorn: Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit Titel entspricht 1. Vers(1731)

1
Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit,
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Den in den dicksten Wald sein Eigensinn verstecket,
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Vertrieb, unausgeforscht, durch Klipp' und Berg gedecket,
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Wie ein Bellerophon die Zeit.

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Hier sträubet sich der Petz; er liebt nur diese Kluft,
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Und meidet stets die Spur der Bären, seiner Brüder.
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Mit Brummen wälzt er sich im Felsen auf und nieder;
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Sein schwaches Haubt scheut freie Luft.

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Dies macht ihn ganz verwirrt. Ihm gleicht vielleicht die Zunft
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Der Weisen dunkler Art, der schweren Sonderlinge;
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Die fliehen Licht und Welt, und haschen Wunderdinge;
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Nur nicht die Gabe der Vernunft.

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Einst, da er saugend sinnt, wird ihm sein Lebenslauf
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(wenn das ein Leben ist) auf einmal sehr verdrießlich.
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Er will gesellig sein; dies hält er für ersprießlich.
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Und kurz: er macht sich taumelnd auf.

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Wohin? das weiß er nicht: das Glück mag Führer sein,
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Das Glück, der Thoren Witz. Nicht weit von seiner Höhle
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Lebt' ein bejahrter Mann mit einer trägen Seele,
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Fast wie der Petz, stumm, und allein.

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Auch der sucht keinen Scherz, der andern artig scheint.
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Was Herbst und Sommer zollt, des grünen Frühlings Gaben
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Vergnügen seinen Fleiß. Ich müßt' ein mehrers haben:
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Was aber? Einen klugen Freund.

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Der Fluren bunter Schmelz entzücket das Gesicht;
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Pomonens Ueberfluß kann tausend Freude machen;
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Man darf mit Blum' und Frucht vertraulich reden, lachen;
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Doch nur in Fabeln: weiter nicht.

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Nicht wahr? die Einsamkeit ist nicht auf ewig schön.
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Unmitgetheilte Lust muß Ueberdruß erwecken;
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Der bringt den Greis ins Feld, um Menschen zu entdecken.
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Mein Timon wird zum Diogen.

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Er wandert nach dem Forst; hier irrt er hin und her,
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Und mißt und sucht die Bahn auf unbekanntem Stege.
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Zuletzt begegnet ihm, in einem hohlen Wege,
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Ein andrer Eremit, der Bär.

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Er stutzt. Was soll er thun? Zur Flucht ist keine Spur.
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Er fasset sich; hält Stand: das wird gut aufgenommen.
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Petz sieht ihn gnädig an, und spricht: Mein Freund, willkommen,
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Besuche mich, und eile nur.

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Der Greis versetzt gebückt: Die Gunst verpflichtet mich.
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O würde mir erlaubt, in meinem nahen Garten
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Mit einem schlechten Mahl gehorsamst aufzuwarten!
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Der Vorzug wäre königlich.

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Ich habe Milch und Obst; zwar weiß ich gar zu wohl,
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Die Kost ist ziemlich schmal für euch, ihr Herren Bären;
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Ihr Großen dieser Welt, ihr könnet besser zehren:
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Doch auch mein Honigtopf ist voll.

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Der Vorschlag wird beliebt; noch zeigt sich nicht das Haus,
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Da die Bekanntschaft schon recht preislich angegangen.
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Es will sogar der Bär den neuen Freund umfangen;
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Doch der bedankt sich, und weicht aus.

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Bald haben diese zween den schönsten Bund gemacht.
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Sie bleiben ungetrennt, und werden Hausgenossen.
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Der eine pflanzet, impft, und wartet seiner Sprossen;
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Der andre legt sich auf die Jagd.

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Unwissenheit und Ernst schließt öfters beider Mund;
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Ihr Umgang nähret sich durch beider stumme Blicke.
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Man machet sich die Lust aus diesem Eintrachtsglücke
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Einsilbigt, auch nur selten, kund.

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Petz kehret einmal heim; da schlummert sein Orest
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Zur schwülen Mittagszeit. Er gehet bei ihm liegen,
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Bewacht den Schlafenden, zerstreut den Schwarm der Fliegen,
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Der seinen Wirth nicht ruhen läßt.

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Er schnappt, fängt, scheuchet, lauscht, gafft nach dem Alten hin,
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Und sieht auf dessen Stirn sich eine Raupe regen;
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Ha! brummt er: dir will ich das Handwerk zeitig legen!
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Geschmeiße, wißt ihr, wer ich bin?

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Er holt den größten Stein; und, weil er's treulich meint,
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So muß durch einen Wurf so Raup' als Greis erkalten.
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Fürwahr, den klugen Feind muß man für schädlich halten;
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Doch ja so sehr den dummen Freund.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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