Der Hase und viele Freunde

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Friedrich von Hagedorn: Der Hase und viele Freunde (1731)

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Wo soll man ächte Freundschaft finden?
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Das Lockwort klingt doch gar zu fein,
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Und kann, die Herzen zu verbinden,
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Der Anlaß schönster Hoffnung sein.
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Man pflegt den milden Stein der Weisen
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Uns, als ein Wunder, anzupreisen.
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Man lehrt, er mache mehr, als reich:
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Fürwahr, ihm ist die Freundschaft gleich.

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Ein jeder, der in diesen Jahren
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Mir ohne Lachen widerspricht,
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Ist glücklich, falls er nicht erfahren,
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Wie oft man Treu' und Glauben bricht.
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Wird er den Vorzug nur erwerben,
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In diesem süßen Wahn zu sterben;
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So soll einst seines Grabes Stein
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Der Welt ein seltnes Denkmal sein.

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Ein Häschen von beliebten Sitten,
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Ein kleines Thier von schneller Kunst,
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Erhielt durch Schmeicheln und durch Bitten
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Verschiedner Thiere Lob und Gunst.
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Die Hasen hatten ja vorzeiten
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Weit mehr, als jetzo, zu bedeuten.
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Als keiner unsern Stutzern glich,
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Da war auch keiner lächerlich.

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Er wandte sich zu allen Freunden,
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Um ihren Beitritt zu erflehn,
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Den Hunden, seinen ärgsten Feinden,
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Zu steuren, oder zu entgehn.
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Man sprach: Dein Leben zu erhalten
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Soll unser Eifer nie erkalten;
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Der deinem Balg ein Härchen krümmt,
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Dem ist von uns der Tod bestimmt.

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Der muntre Hänsel ist zufrieden,
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Und schätzt sich großen Hansen gleich.
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Die Sicherheit, die ihm beschieden,
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Vertauscht er um kein Königreich.
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Ihn will so mancher Beistand schützen;
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Was darf er nun in Aengsten sitzen?
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Nein, unter vieler Starken Hut
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Fehlt es auch Hasen nicht an Muth.

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Er lebet ohne Noth und Sorgen,
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So unverzagt, als ungestört,
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Weil sich mit jedem schönen Morgen,
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Mit jedem Thau sein Frühstück mehrt.
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Sein rascher Lauf verläßt die Wälder,
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Durchstreicht die Triften und die Felder,
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Wo in beglückter Sicherheit
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Ihn Gras und Laub und Frucht erfreut.

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Wie oft vergällt erwünschte Stunden
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Verhaßter Stunden Ungemach!
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Ein Jäger eilt mit schlauen Hunden
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Der Spur des armen Hänsels nach.
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Hier ist kein Freund, ihm jetzt zu rathen:
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Er fährt, er läuft durch Busch und Saaten,
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Er drückt sich oft, so gut er kann;
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Doch alle Hunde schlagen an.

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Er rennt, und setzt durch Forst und Stege:
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Sein Absprung aber hilft ihm nicht.
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Doch endlich kömmt, auf einem Wege,
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Sein Freund, das Pferd, ihm zu Gesicht.
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Er sagt: Dies tolle Hetzenreuten
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Scheint meinen Tod mir anzudeuten.
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Doch nimmt mich nur dein Rücken auf,
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So spürt kein Stöber meinen Lauf.

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Das Pferd versetzt: Mein Herr, ich sehe
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Des Unfalls Größe noch nicht ein.
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So mancher Freund ist in der Nähe,
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Und jeder wird behilflich sein.
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Die Treu' erleichtert Müh' und Bürde;
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Sie wissen, wie ich dienen würde:
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So aber wohnt nicht weit von hier
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Ein ungleich stärkrer Freund, der Stier.

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Er eilt durch Haide, Busch und Hecken,
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Und fleht den Stier um Rettung an.
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Der spricht: Ich will nur frei entdecken,
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Warum ich dir nicht helfen kann.
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Du kennest meiner Freundschaft Triebe;
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Jedoch die Freundschaft weicht der Liebe.
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Dort läßt sich meine Schöne sehn.
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Du mußt zu jener Ziege gehn.

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Die Ziege hört des Hasen Klagen,
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Mit angenommner Traurigkeit,
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Und hält, ihm alles abzuschlagen,
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Sich zu der Ausflucht schon bereit.
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Sie meckert: Dich jetzt aufzunehmen,
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Wird jenes Schaf sich bald bequemen.
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Dir ist ja seine Gutheit kund.
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Mir, leider! ist der Rücken wund.

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Der Arme flieht mit bangen Schritten,
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Sucht, und erreicht das ferne Schaf,
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Das, unbewegt bei seinen Bitten,
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An Furcht den Flüchtling übertraf.
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Es klagt: Vor Feinden dich zu schützen,
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Wird meine Schwäche wenig nützen.
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Ich zittre ja so sehr, als du;
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Doch eile jenem Füllen zu.

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Das sprach: Wenn wir jetzt Beistand hätten,
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So trotzt' ich gerne der Gewalt.
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Ich bin zu jung, dich zu erretten,
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Und mein Herr Vater ist zu alt.
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Ich sehe schon die Hunde kommen:
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Nur frischen Muth und Lauf genommen!
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Doch, wenn dein Tod uns trennen soll,
104
Geliebter Hänsel, fahre wohl!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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