Der Sultan und sein Vezier Azem

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Friedrich von Hagedorn: Der Sultan und sein Vezier Azem (1731)

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Es ward ein Suliman nur durch den Krieg ergötzt,
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Der seinen Roßschweif oft mit frischem Blut benetzt;
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Sein und der Feinde Land ward siegreich aufgerieben;
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(o lernten Helden doch die leichte Wohlfahrt lieben!)

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Dem tapfern Pyrrhus gleich stritt er ohn' Unterlaß;
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Jedoch sah der Vezier, ein andrer Cineas,
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Der wahren Größe Freund, mit heimlichem Erbarmen
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Der Herrschsucht Opferherd, das schöne Reich, verarmen,
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Hier Felder unbesä't, dort Städt' in Flammen stehn,
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Und, den kein Säbel fällt, in Sklavenfesseln gehn.

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Dies sah er seufzend an, nur durft' er es nicht wagen,
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Bei Kriegesrüstungen den Frieden vorzuschlagen.
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Doch seines Sultans Huld half dieser Blödigkeit,
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Und gab auf einer Jagd hierzu Gelegenheit.

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Es hatte Suliman die Beyen, Aga's, Bassen,
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Des ganzen Hofstaat Zug, in schnellem Ritt verlassen.
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Ihm folgte der Vezier, weil es sein Herr befahl,
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Und beide kamen bald in ein geweihtes Thal,
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Wo noch zu Oßmanns Zeit ein alter Santon wohnte,
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Abdallah, der Prophet, in dem die Weisheit thronte,
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Der Omars großen Sohn, ein Haubt der frommen Schaar,
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Der Todes-Engel Freund, Azraels Liebling, war,
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Der fast, wie Mahomet, die sieben Himmel kannte,
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Und den ganz Asien vor vielen heilig nannte.

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Sie wuschen sich allhier Gesicht und Arm und Hand,
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Nach Art des Muselmanns, mit dürrem, reinem Sand,
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Und ehrten andachtvoll, an der bestäubten Stäte,
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Abdallahs hohen Ruhm mit eifrigem Gebete.

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Drauf hebt sich ein Gespräch von dessen Wundern an;
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Da lächelt der Vezier, und spricht zum Suliman:
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Ich habe, großer Held, bereits vor vielen Jahren
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Die schwerste Wissenschaft des Orients erfahren.
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Und welche? Die vielleicht kein Imam eingesehn,
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Kein Mufti lehren kann: Die Vögel zu verstehn.
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Der Schwanen Sterbelied, was Staar und Aelster schwatzen.
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Der Adler heisern Ruf, die Straußen und die Spatzen,
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Des Pelikans Geschrei, selbst des Humai
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O Herr der Könige! versteht dein Ibrahim.
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Ein Dervis hat mir das in Bagdad einst entdecket,
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In dem Abdallahs Geist und Kraft zu Wundern stecket,
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Der kennt den Alcoran; und der besitzt dabei
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Die etwas schwarze Kunst der Cabalisterei.
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Die Probe fällt mir leicht, und die soll nimmer trügen.

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Der Sultan höret dies mit innigem Vergnügen,
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Und kehrt bei Nacht zurück; da ihn Dianens Schein
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Zwo Eulen sehen läßt, die unaufhörlich schrein.
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Auf! ruft er, Ibrahim, du wirst dich zeigen müssen,
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Was gibt's? Was wollen die? Ich muß es alles wissen.

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Der Großvezier gehorcht, und thut, als gäb' er Acht
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Zu forschen, was allhier die Vögel schwatzen macht;
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Und endlich kömmt er schnell, als höchst bestürzt, zurücke.
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O, spricht er: daß dein Reich der Mahomet beglücke!
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Ich küss' in tiefem Staub, Herr, deines Rockes Saum:
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Nur gib, dein Azem fleht, gib einer Bitte Raum.
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Verändre das Gebot: will ihm dein Wink befehlen,
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So sei es, was er hört, dir ewig zu verhehlen,
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Und ...

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Was du jetzt gehört, soll mir verborgen sein?
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Mir! einem Suliman! Nein! bei dem Allah! nein.
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Sag' an!

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Der ganze Lärm betrifft nur Heirathsachen.
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Zween Väter sind bemüht, den Mahlschatz auszumachen,
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Womit des einen Sohn, zu beider Häuser Wohl,
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Des andern einzig Kind in kurzem freien soll.
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Er muß, spricht dieser Greis, vor allen andern Dingen
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Der Braut ein Heirathgut von fünfzig Dörfern bringen,
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Nebst einer wüsten Stadt, die, raubt der Tod den Mann,
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Ihr Wittwensitz verbleibt. Und wie? (hebt jener an)
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Nur fünfzig? O wie leicht ist dieses einzugehen!
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Zweihundert sollen dir, mein Freund, zu Diensten stehen.
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Seit des Propheten Flucht war keine bess're Zeit:
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Der Janitschar verheert die Länder weit und breit.
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Es lebe Suliman! er müsse lange leben!
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So wird uns jedes Jahr schon Wüsteneien geben.

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Hier schweiget der Vezier: der Kaiser merkt es sich;
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Er weiß ihm heimlich Dank, und folgt ihm öffentlich,
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Beschleußt, der Menschen Werth nie weiter zu vergessen,
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Und lernt der Länder Heil nicht nach den Siegen messen.

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Ein guter Rath ist immer gut;
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Doch lerne man die Wahrheit klüglich sagen.
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Der Lehren Kraft und Glück beruht
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Nur auf der Kunst, sie vorzutragen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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