Horaz

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Friedrich von Hagedorn: Horaz (1731)

1
Horaz, mein Freund, mein Lehrer, mein Begleiter,
2
Wir gehn aufs Land. Die Tage sind schon heiter;
3
So wie anjetzt die Furcht der blinden Nacht
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Ein heller Mond uns minder nächtlich macht.
5
Es herrscht das Licht, und alle Lüfte geben
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Der frohen Welt das eigentliche Leben.
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Die rechte Lust kömmt mit der Frühlingszeit.
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Natur und Mensch sind voll Gefälligkeit.
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Ihr unerkauft- und unerfochtnen Freuden!
10
Sucht keine Pracht: die Pracht muß euch beneiden.
11
Des Daseins Trost, das Recht, vergnügt zu sein,
12
Der Kenner Glück macht Lenz und Witz gemein.

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Ja, auch der Witz! Die Einfalt kann nicht sehen;
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Ihr lachen nicht die Thäler und die Höhen.
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Sie hört auch grob, und in der Melodie
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Der Nachtigall erschallt kein Ton für sie.
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Wie schmeichelhaft und mit verjüngten Flügeln
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Der Zephir kühlt; wie auf begrasten Hügeln
19
Die Anmut grünt; wie Pflanze, Staud' und Baum
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Sich edler färbt: das alles merkt sie kaum.
21
Sie suchet nur die Schatten, wie die Heerden,
22
Wann schwüle Tag' ihr unerträglich werden.

23
Wer denkt und schreibt, zumal der Dichter Chor,
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Zieht Busch und Wald den schönsten Städten vor.
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Wie läßt sich dort, wenn wir noch das erwägen,
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Der Freund der Stadt, dein Fuscus, widerlegen!
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Hat nicht Tarent dir oft den Scherz gewährt,
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Den du in Rom, selbst beim Mäcen, entbehrt?
29
Ein lautrer Fluß, der Auen und Gefilde
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Befruchtend ziert, ward deiner Kunst zum Bilde,
31
Die, stark und rein, ihr Feld erfrischt und schmückt,
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Und Sprach' und Witz bereichert und beglückt.
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Du sahest oft an hoffnungsvollen Bäumen,
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Und Rind' und Stamm, das Moos zu häufig keimen,
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Und dachtest dann vielleicht an ein Gedicht,
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Und ließest ihm den fremden Anwachs nicht,
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Den Ueberfluß, den wir nicht dulden sollen,
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So ungern auch die Wörter weichen wollen.

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Mein Meierhof! so mäßig wünschtest du,
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Wann seh' ich dich, in Stunden freier Ruh',
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Beim Schlaf am Bach, aus Büchern kluger Alten,
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Vergessenheit der Mühe zu erhalten,
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Der öftern Last, die in der Stadt mich drückt,
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Und meine Lust in enger Luft erstickt?
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Wann werd' ich mich in jenen kühlen Gründen,
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An jenem Quell, verneuert, wiederfinden?

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Arell, der Filz, des Wuchers blasser Knecht,
48
Zieht auf das Land, vergnügt sich; aber schlecht.
49
So wie ein Sklav', den Furcht und Kette lähmen,
50
Mehr kriecht, als geht, wenn wir sie von ihm nehmen.

51
Was sichtbar ist, sei nur dem Pöbel schön!
52
Die Geisterwelt entzücket den Menen.
53
Wie Democrit, vertieft er sich in Träume,
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Sitzt in dem Wald, und sucht im Walde Bäume.

55
Nasidien, der Comus unsrer Zeit,
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Rollt durch das Thor in stolzer Herrlichkeit,
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Erreicht sein Gut, mit neunundzwanzig Gästen,
58
Wie in der Stadt, sich stundenlang zu mästen.

59
Es eilt Quadrat, er, seines Roms Tribun,
60
Zu Gärten hin, wie seine Nachbarn thun.
61
Der Blüten Duft, der Blumen Reiz zu fühlen?
62
Nein: ungestört und vortheilhaft zu spielen.

63
Hephästion verläßt die Majestät,
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Besucht sein Lehn, wo er das Schloß erhöht,
65
Guckt in sein Feld; das Feld ergötzt ihn wenig.
66
Allein warum? Dort sieht er keinen König.

67
Du bist es werth, der Landlust Freund zu sein.
68
Horaz, mit dir hab' ich den Trieb gemein.
69
Uneingedenk der Stadt und ihrer Sorgen,
70
Empfind' ich hier die Freiheit und den Morgen.
71
Wir bleiben hier, nun uns kein Schwätzer trennt,
72
Und Harvstehud ist heute mein Tarent.

73
Oft grenzt die Lust, unwissend, an dem Leide;
74
Doch nicht allhier, doch nicht an jener Weide,
75
An diesem Fluß. Wohin mein Blick sich kehrt,
76
Ist alles schön, ist alles sehenswerth.
77
Verleiht der Glanz der unumwölkten Sonne
78
Auch Felsen Reiz und rauhen Bergen Wonne,
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Wie sehr entzückt uns ihre holde Pracht,
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Wann sie, wie jetzt, das Schöne schöner macht,
81
Wann, da sie sich den fetten Aeckern zeiget,
82
Der Hufner singt, und auch sein Vieh nicht schweiget!

83
Es war vorlängst der schattenreiche Wald,
84
Der Auen Schmelz, der Weisen Aufenthalt.
85
Wo wohnt so gern die Feindin banger Schranken,
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Die Einsamkeit, die Mutter der Gedanken,
87
Wann der Verstand, weil ihn kein Amt bezirkt,
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Uneingesperrt und ungefesselt wirkt?
89
Wo Muße lehrt, wo Lust und Einfall reifen,
90
Verführt uns nichts, voll Unruh', auszuschweifen.
91
Hier störet uns nicht der Geschäfte Ruf;
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Hier lernet man, wie schön die Allmacht schuf;
93
Hier wird man, froh, von Wahn und Zwang entbunden,
94
Herr seiner Zeit, und König seiner Stunden.

95
Ein Thor eilt stets auf neue Wirbel los;
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Ein Weiser ist, auch in der Stille, groß.
97
Ein Thor bedarf der Aemter und Geschäfte:
98
Der Wanduhr gleich, gibt das Gewicht ihm Kräfte;
99
Sonst kaum bemerkt, von eignen Trieben leer,
100
Blieb er ein Thor; durch Würden wird er mehr.

101
Wie sehnt Servil sich nach Berufsbeschwerden,
102
Beträchtlicher und hochbestallt zu werden!

103
Was schützt das Zeug, das Battus täglich spricht?
104
Sein neues Amt, sein altklug Amtsgesicht,
105
Sein Heldenton, sein Recht zu höhern Stellen,
106
Des Scheinglücks Stolz, und dieses Stolzes Schellen.

107
Ja, Gelasin! dein Herz ist falsch und klein,
108
Und nur dein Stand zwingt dich, ein Mann zu sein.
109
So stellt der Krieg die Feinde seiner Hitze,
110
Die Friedlichen recht an des Heeres Spitze,
111
Und manchem wird das Ruder anvertraut,
112
Dem, viel zu früh, vor Wind und Wellen graut.

113
Vor Tausenden war Celsus zu beneiden:
114
Er hatte g'nug zur Wohlfahrt und zu Freuden,
115
Nur nicht Verstand; und dieses Loos allein
116
Hat er noch jetzt mit Tausenden gemein:
117
Jetzt, da der Hof den Titelknecht erhandelt,
118
Und seine Ruh' in Müh' und Rang verwandelt,
119
Ihm den Genuß zur Eitelkeit und Pracht,
120
Und seinen Schlaf zum kurzen Schlummer macht;
121
Ja, wann er sich zum milden Regen dränget,
122
Ihn mit dem Thau der Hoffnung nur besprenget.
123
O Sklavengeist, der sich mit Stolz verstrickt,
124
Heiß' endlich groß! sonst warst du fast beglückt.

125
Glück und Genuß sind, in dem Mittelstande,
126
Zu klein dem Neid, und viel zu groß der Schande,
127
Und krönen den, der, dienstfrei und vergnügt,
128
Der Väter Feld mit eignen Rindern pflügt,
129
Nicht leiht, noch borgt: nach Art der ersten Sitten
130
Der Hirtenwelt, die keinen Wucher litten,
131
Den nicht, zur Schlacht, die Kriegstrompete weckt,
132
Den keine Wuth erzürnter Meere schreckt.
133
Er hört den Zank nicht vor Gerichten bellen,
134
Er naht sich nie der Großen stolzen Schwellen.
135
Durch ihn vermählt, in einem trocknen Raum,
136
Die Rebe sich dem hohen Pappelbaum.
137
Er pfropft, er pflanzt, er freut sich seiner Triften.
138
Kein schnöder Wunsch wird seine Ruh' vergiften.
139
Wie unschuldvoll ist, was ihn fröhlich macht!
140
Der Schafe Schur, der Vogelsang, die Jagd,
141
Die Taubenzucht, die Wartung seiner Bienen,
142
Das frische Bad, der stille Schlaf im Grünen.
143
An Kriegsgeräth besitzt er nur ein Zelt,
144
In welchem er mit Freunden Tafel hält.
145
Sein Vieh, sein Land, sein Garten gibt Gerichte,
146
Die Milch, den Fisch, den Braten und die Früchte,
147
Sein Weinberg Wein, den kein Verkäufer mischt,
148
Und ihm sein Knecht im nahen Bach erfrischt,
149
Im Teich, im Strom, wo Schlei und Karpfe springen,
150
Forell und Schmerl durch Sand und Kiesel dringen,
151
Der Frösche Feind, der Krebs, geharnischt laicht,
152
Und, ganz vertieft, die bärt'ge Barbe streicht,
153
Und was er sonst bald mit beglückten Händen
154
Zu angeln pflegt, bald in der Netze Wänden
155
Gefangen führt, bald, wie den fetten Aal,
156
In Reusen lockt, zum frohen Mittagsmahl.
157
So kann er leicht auch der Murän entbehren:
158
Ein Crassus nur betrauert sie mit Zähren.
159
Er findet auch sein Birkuhn ungemein,
160
Erstickt es gleich nicht in Falerner Wein.
161
Den, der, beschwitzt, von seinem Jagdgaul steiget,
162
Reizt Hausmannskost, und was sein Kohlfeld zeuget.
163
Dort schmeckt dir Brod, wie sonst kein Kuchen that.
164
Denn alles schmeckt, wo man Bewegung hat.

165
Die, auf dem Land, an trägen Sitzen kleben,
166
Sind lächerlich in ihrem Pflanzenleben.
167
Insecten sind lebendiger, als sie.

168
So faul und schwach sind meine Dichter nie.
169
Dort schleicht Tibull durch die gesunden Haine:
170
Hier schaufelst du durch Schollen und durch Steine.
171
Dein Nachbar gafft, und sieht, mit Lächeln, an,
172
Wie ein Poet so bäurisch graben kann.

173
Da flehst du nicht, dein Gütchen zu vermehren:
174
O möchte mir der nächste Fleck gehören!
175
Es würde dann mein Acker schnurgleich sein.
176
O räumtest du, Mercur, mir dieses ein!
177
O könnt' auch ich, durch Herculs Gunst und Fügen,
178
Wie jener Knecht, mir einen Schatz erpflügen!
179
(der Kerl war schlau, als er den Geldtopf fand,
180
Erkauft' er sich das herrschaftliche Land.)
181
Ein mäßig Feld, daran ein Garten schließet,
182
Ein steter Quell, der nah' am Hause fließet,
183
Ein klein Gehölz war meiner Wünsche Zug.
184
Der Himmel gab's: ich habe mehr als g'nug.
185
Nun fleh' ich nur, durch würdiges Verwalten
186
Mir den Genuß des Glückes zu erhalten.
187
Hat noch kein Griff der Unersättlichkeit
188
Dies dein Geschenk vergrößert und entweiht;
189
Laß ich es nie, durch sträfliches Beginnen,
190
Durch eigne Schuld, vermindern und zerrinnen,
191
Bin ich vergnügt, und dankbar für mein Glück:
192
So zieh' von mir nie deinen Schutz zurück,
193
So gib Gedeihn; laß Acker, Weid' und Heerden,
194
Den Witz nur nicht, sonst alles feister werden!

195
Du bist vergnügt, und, war dein Vater gleich
196
Nicht aus dem Rath, nicht angesehn, nicht reich,
197
Kein Edelmann vom pontischen Gestade:
198
Kein Flavius, den des Lucullus Gnade,
199
Als Mithridat ihm kümmerlich entkam,
200
Am Leben ließ, und mit nach Welschland nahm;
201
So lässest du dich nie den Vorwurf quälen,
202
Und würdest dir nur ihn zum Vater wählen.
203
Als seinem Sohn ist vieles dir vergönnt.
204
Nun bringet dich ein Maulthier nach Tarent.
205
Den Mantelsack schnürst du ihm auf den Rücken,
206
So wund ihn auch sein Herr und Bündel drücken.
207
Der Aufzug ist für Edle viel zu schlecht,
208
Doch deinem Stand und deinem Sinn gerecht.
209
Dir ist der Staat, auf deinen kleinen Reisen,
210
Gleichgiltiger, als Seneca, dem Weisen,
211
Und auch daheim, bei deinem irdnen Krug,
212
Sind Kichern, Lauch und Plinzen dir genug.

213
Doch bist du Wirth an einem Freudenfeste,
214
So wählst du dir erkannte, gleiche Gäste,
215
Nur wenige, nur die sich gerne sehn.
216
O möchte doch Biber die Kunst verstehn!
217
Durch diese Kunst verbrüdern sich die Herzen:
218
Kein falscher Freund verräth von unsern Scherzen
219
Wort' oder Ton. Was man beim Weine spricht,
220
Muß heilig sein, und dient für Klätscher nicht.
221
Soll einem Mahl nur Zwang und Ekel fehlen,
222
So muß Torquat zum Schaffer dich erwählen.
223
Bei dir, wo nichts die Nase runzlicht macht,
224
Verlängert ihr, beredt, die Sommernacht:
225
Wo Reinlichkeit den Tisch bestellt und decket,
226
Kein Schmutz, kein Staub den Spiegelglanz verstecket,
227
Der Tischgeschirr und Trinkgefäße schmückt,
228
In welchen man sich, ungesucht, erblickt:
229
Wo Treu' und Lust, ihr Bündniß recht zu schließen,
230
Falerner Wein in kleine Becher gießen.

231
So sehr, Horaz, es dir Vergnügen bringt,
232
Wenn Phyllis dir den schwarzen Gram versingt,
233
Und doch dein Ruf, ein Lob, daß du gefallen,
234
Dir reizender, als alle Lieder, schallen.
235
So gibt und nährt nur die Zufriedenheit
236
Dein schönstes Glück, das täglich dich erfreut,
237
Der Freiheit Frucht, die nur den Weisen rühret.
238
Der herrschen kann, und würdig sich regieret.
239
Was in der Welt ist von so hohem Werth,
240
Als Freiheit ist, die jede Lust vermehrt?

241
Und ist nicht sie dem Golde vorzuziehen?
242
Wer knechtisch lebt, dem Mangel zu entfliehen,
243
Entbehret stets, im Kleinen, den Genuß.
244
Wer immer wünscht, und, folglich, fürchten muß,
245
Heißt dir nie frei. Wird dich die Habsucht nagen,
246
So hat Arist Erlaubniß, dir's zu sagen:
247
Dein Auftrag will's. Es nimmt ein weiser Mann,
248
Der Lehren gibt, noch lieber Lehren an.
249
Jedoch kein Geiz darf deine Lust beschweren:
250
Dir ist es leicht, ihn männlich abzuwehren.
251
Den Werth des Glücks, das dir dein fruchtbar Feld,
252
Dein Wald, dein Bach, ohn' andrer Neid, erhält,
253
Kann kein Regent, kein König großer Staaten,
254
Kein Held im Sieg, und kein August errathen.

255
Du bist vergnügt: dich liebet dein Mäcen.
256
Wer weiß, wie er, die Menschen einzusehn?
257
Wer wählt so wohl? Dein Herz bleibt ihm ergeben,
258
Und solchen Freund willst du nicht überleben.
259
Allein, so sehr der Großen Beispiel rührt,
260
Und ihr Geschmack oft Klügere verführt,
261
So durftest du dir treu und ähnlich bleiben,
262
Und nicht mit ihm zu unnatürlich schreiben.

263
Der ist beglückt, der sein darf was er ist,
264
Der Bahn und Ziel nach eignen Augen mißt,
265
Nie sklavisch folgt, oft selbst die Wege weiset,
266
Ununtersucht nichts tadelt und nichts preiset,
267
Und, wenn sein Witz zum Dichter ihn bestimmt,
268
Natur und Zeit zu seinen Führern nimmt.

269
Du bist vergnügt, und lehrest das Vergnügen,
270
Wie Dichter thun, die Geiz und Gram besiegen:
271
Denn ein Poet, den auch sein Herz erhebt,
272
Beklagt das Volk, das nur nach Schätzen strebt.
273
Der Welt zur Lust, zum Dienst und Unterrichte,
274
Sinnt er auf nichts, als ewige Gedichte.
275
Er macht sich nicht durch Ränke, Zwist, Vergleich,
276
Als Mitgenoß, auch nicht als Vormund, reich,
277
Beruft ihn nicht Nasidien zu Schmäusen,
278
So weiß er auch, wie dein Ofell, zu speisen:
279
Und ficht er nicht Achillisch in der Schlacht,
280
So ist er doch auf andrer Wohl bedacht.
281
Denn ist es wahr, daß man durch Kleinigkeiten
282
Dem Großen hilft; und wer wird dies bestreiten?
283
So bildet er der Kindheit zarten Mund,
284
Und macht ihr früh der Sprache Wohllaut kund,
285
Gewöhnt das Ohr, der Wörter Wahl zu lernen,
286
Im Ausdruck sich vom Pöbel zu entfernen:
287
Dann gibt er auch dem Herzen die Gestalt,
288
Durch treuen Rath, durch freundliche Gewalt.
289
Die Rauhigkeit der Sitten, die verwildern,
290
Den Neid, den Zorn weiß seine Kunst zu mildern
291
Ein Dichter lehrt das menschliche Geschlecht
292
Der Tugend Reiz und ihrer Thaten Recht.
293
Ein Dichter stellt für Zeiten, die entstehen,
294
Exempel dar, den Mustern nachzugehen,
295
Erleichtert oft des Armen Last und Hohn,
296
Und mäßiget des Kranken Klageton.
297
Die den Homer, wie du, mit Einsicht lesen,
298
Sehn, daß schon er ein Menschenfreund gewesen.

299
Du bist es auch, und selbst Petrarch gestand,
300
Wie sehr er sich durch dich veredelt fand.
301
Dein weiser Rath lehrt Vorurtheile hassen,
302
Erhellt den Witz, und macht das Herz gelassen.
303
Zufriedenheit besänftigt unsern Muth,
304
Und sie allein nennt jede Fügung gut.
305
Selbst im Palast, wie in beschilften Häusern,
306
Ist keine Zeit ihr gülden oder eisern.

307
Du bist daher, in Rom und in Athen,
308
Ein Aristipp, und nicht ein Diogen.
309
Den Größesten, den Schönsten zu gefallen,
310
Die Gabe schenkt das karge Glück nicht allen.
311
Wie deren Ruhm die Ewigkeit gewinnt,
312
Die Weisen hold und Dichtern günstig sind,
313
So wird nicht der zum Thron der Ehre dringen,
314
Den Weise scheun, und Dichter nie besingen.

315
Doch was sie mehr als aller Beifall ehrt,
316
Mein Freund Horaz, das ist ihr eigner Werth:
317
Mit eignem Werth, als einem Schirm, umgeben,
318
Heißt jeder Tag dich, sonder Aufschub, leben.

319
Wann werd' ich einst, in unbelauschter Ruh',
320
Nicht so berühmt, nur so vergnügt, wie du?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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