1
Ulysses, der nunmehr, in zwanzig sauren Jahren,
2
Durch Krieg, Verlust und Sturm, des Schicksals Grimm erfahren,
3
Kommt endlich zwar zurück in Reich und Vaterland;
4
Doch wie? Verarmt, gekrümmt, allein und unerkannt,
5
Den Seinen, und sogar Penelopen, verborgen,
6
Entstellt und ausgezehrt von tausendfachen Sorgen.
7
Des Helden Angesicht, und sonst umkränztes Haubt
8
Sind seinem Glücke gleich, sind alles Schmucks beraubt.
9
Vor seinem eignen Schloß muß er um Brocken flehen,
10
Wo auch die Sklaven selbst kaum seitwärts nach ihm sehen;
11
Wo der Bedienten Stolz, die er doch groß gemacht,
12
In herrischer Gestalt des nackten Redners lacht;
13
Wo niemand seiner Noth das kleinste Trostwort gönnet,
14
Und nur den alten Herrn sein alter Hund erkennet,
15
Der vormals, wie ein Hirsch, rasch durch die Büsche sprang,
16
Von dessen Namen sonst der ganze Forst erklang,
17
Wann alles Argus rief. Der Argus, der dem Wilde
18
So feurig nachgesetzt, der Waldung und Gefilde,
19
Wie seinen Stall gekannt, und bei der jungen Schaar
20
Des jagdgewohnten Hofs ein rechter Liebling war,
21
Weil keiner richtiger des Rammlers Fährte spürte,
22
Noch anschlug, so wie er, wo sich ein Wildpret rührte;
23
Der liegt nun ohne Dach, für vieler Jahre Treu'
24
Im Alter abgedankt, verscheucht von Stall und Streu,
25
Verbannt, wo täglich ihn ein neuer Mangel schwächte,
26
Zuvor der Herren Lust, und jetzt ein Spott der Knechte.
27
Der Argus, dem es längst an Kraft zum Gehn gebrach,
28
Hebt sich zum letzten Mal, und hinkt dem Bettler nach,
29
Naht sich mit regem Ohr, riecht, wedelt, züngelt, schmeichelt,
30
Und, da der Fremdling ihn, mit nassen Augen, streichelt,
31
Da seine Neigung ihm noch diesen Dank erwirbt,
32
Aechzt, heult er, siehet auf, erkennt Ulyß und stirbt.
33
So hündisch lieben nicht die Klugen unsrer Zeiten,
34
Die Meister in der Kunst verstellter Zärtlichkeiten.
35
Vom Bart der alten Welt, und von der alten Treu'
36
Ist unser glattes Kinn, und unsre Seele frei.
37
Leichtsinnig in der Wahl, und zweifelnd im Vergnügen,
38
Betrügen wir uns selbst, um andre zu betrügen,
39
Die innerlich verderbt, und nur von außen schön,
40
Auch uns, mit gleichem Recht, ergebenst hintergehn.
41
So spielt der Wankelmuth mit Trieben und Gedanken!
42
Man wählt, und man verwirft nach dem Geschmack der Kranken,
43
Der, voller Ungeduld, auf manche Kost verfällt,
44
Die, mitten im Genuß, der Ekel ihm vergällt.
45
Nicht anders liebt Papill, der alle Fremden herzet,
46
Sich täglich Freunde sucht, und täglich sie verscherzet,
47
Und bald den Bienen gleicht, bald Käfern ähnlich ist,
48
Bald frische Rosen saugt, und bald den Moder küßt.
49
Unendlich flatterhaft, und schnell zu Vorurtheilen,
50
Lebt er, so wie er schwatzt, in stetem Uebereilen.
51
Im Jenner ist er hold, halb falsch im Februar,
52
Ganz ungetreu im März, und feind ums halbe Jahr.
53
Es ahmt Pipin ihm nach, der Freunden sich nur leihet,
54
Sich ohne Grund vereint, und ohne Grund entzweiet.
55
Er meint; was kann er sonst? und weiß, warum er meint,
56
Wie Chloe, wann sie lacht, und Emma, wann sie weint.
57
Weit übersieht Cleanth, der Ehrsucht Bild und Schande,
58
Den läppischen Pipin, den Säugling am Verstande.
59
Sein absichtreicher Witz wird nicht so leicht berückt;
60
Er weiß, warum und wo man dem die Hände drückt,
61
Und dem nicht drücken darf. Dies Muster schlauer Männer
62
Wird aller Gönner Knecht, und aller Knechte Gönner.
63
Allein, sobald er nur der Künste Zweck erhält,
64
So ist der Freund, für ihn, nicht mehr ein Theil der Welt.
65
Bald krümmt er, Schlangen gleich, sich um der Höhern Füße,
66
Bald trotzt sein steifer Kopf die Pflicht gewohnter Grüße:
67
Wie ein Iberier sich bis zur Erde streckt,
68
Und, wann der Rang ihm wird, sich königlich bedeckt.
69
Cleanth wird mühsam groß, und seine Stirne fühlet
70
Den Schweiß der Emsigkeit, den nur sein Hochmuth kühlet.
71
Doch, wann er sich hier Freund, und dort Verehrer nennt,
72
Bestraft den Mund das Herz, das nie sich ganz verkennt.
73
Oft züchtigt ihn der Spott; doch, obenan zu sitzen,
74
Erduldet er mit Lust die Stacheln, die ihn ritzen.
75
So macht ein Domherr sich auch gegen Streiche fest,
76
Eh' Würzburgs Hochstift ihn in Chor und Keller läßt.
77
Gemächlicher als er, recht langsam sich zu lenken,
78
Zum Schlummer zu geneigt, um aufgeweckt zu denken,
79
Liebt uns, und gähnt Stertin, in Polster eingehüllt,
80
Der fast leibeigne Knecht des Lehnstuhls, den er füllt,
81
Der Möpse, die er wärmt. Zwar kann er Menschen leiden;
82
Doch lässig, unbemüht, und nur bei schlaffen Freuden.
83
Im trägsten Gleichgewicht ist ihm zu treuem Fleiß
84
Bereits der Herbst zu kalt, und schon der Lenz zu heiß.
85
Der Unbehilfliche hat angeborne Gaben,
86
Wie Geizige den Schatz, wie Feige Waffen haben,
87
Und ist der Fliege gleich, die nicht zum Flug sich regt,
88
Obgleich ihr die Natur die Flügel beigelegt.
89
Woher denn darf Stertin von seinem Wohlthun sprechen?
90
Von Blutschuld ist er frei, und Ruhn ist kein Verbrechen.
91
Wie? So ist der wol gar, der Lehre nach, ein Christ,
92
Der nur kein Edelmann, kein frecher Woolston ist,
93
Und die muß man vielleicht für große Gönner schätzen,
94
Die uns nicht Haus und Hof in lichte Flammen setzen?
95
Dem menschlichen Geschlecht zum Dienst und Unterhalt
96
Belebt der Thiere Heer Luft, Wasser, Feld und Wald;
97
Und wie vielmehr entstand, die Schöpfung zu erfüllen,
98
Der Schöpfung Kern, der Mensch, auch um des Menschen willen?
99
Die Arbeit ist sein Loos; das Gute muß er thun,
100
Nicht überflüssig sein, nicht unermüdet ruhn.
101
Ich, lehrt Mammonides, den Geld und Geiz umgeben,
102
Ich bin der Muße gram; die Arbeit ist mein Leben.
103
Nur Fleiß und Vorschuß sind's, wodurch man Freunden nützt,
104
Wenn man ein Capital, das ist, ein Herz, besitzt.
105
Ich bin ein Patriot. Mich wird man leicht bewegen,
106
Das erste schöne Geld in Häuser zu belegen.
107
Mein alter Wahlspruch bleibt: Zins und Provision!
108
Den Leuten helf' ich gern, nur nicht dem Bauernsohn;
109
Doch dien' ich, kann er mir drei gute Bürgen stellen,
110
Sind gleich die Zeiten schlecht, auch ihm in allen Fällen.
111
In andrer Kreuz und Leid find' ich mich, als ein Christ.
112
Wer weiß, wenn mancher klagt, warum er dürftig ist?
113
Der Himmel will vielleicht durch Mangel ihn bekehren:
114
Sollt' ich gerechter sein, und seine Führung stören?
115
Den Armen bin ich nicht, dem Betteln bin ich feind,
116
Sonst, doch ohn' eignen Ruhm, ein großer Menschenfreund,
117
Und werde, sterb' ich spät, zu meinem Angedenken,
118
Dem alten Waisenhaus ein neues Gitter schenken.
119
Wie heuchelt sich der Thor, der keiner Tugend Kraft,
120
Kein wahres Mitleid fühlt, und scheint sich tugendhaft!
121
Zank, Raubsucht, Neid und Furcht, die Quellen steter Schmerzen,
122
Und sieben Gräuel sind in eines Wuchrers Herzen,
123
Der nichts zu werden weiß, als reich und lächerlich,
124
Der sich betrügrisch liebt, und niemand liebt, als sich.
125
Unsel'ger Eigennutz, wie bist du zu beklagen,
126
Da deine Frevel dir der Freundschaft Schatz versagen!
127
Die Liebe zu uns selbst, allein die weise nur,
128
Ist freilich unsre Pflicht, die Stimme der Natur;
129
Doch sie verknüpft sich auch mit den Bewegungsgründen,
130
In andern, wie in uns, das Gute schön zu finden,
131
Dem Schönen hold zu sein. Es bann' ein Strafgericht
132
Die Menschen ohne Lieb' in Welten ohne Licht!
133
Was kann der Seele Reiz und unser Glück vergrößern?
134
Die Lust an andrer Glück, der Trieb, es zu verbessern.
135
Der Geist, der denkt und will, verscherzt die Schätzbarkeit,
136
Geht seiner Kräfte Zug nicht auf Vollkommenheit,
137
Und bleibt sein träger Wahn an niedern Gütern kleben.
138
Die unsrer Wünsche Flug zur Tugend nicht erheben.
139
Er wird dem Beifall taub, den das Gewissen gibt,
140
So oft man edel denkt, so oft man göttlich liebt.
141
Allein, dem Zauberer in täuschenden Gestalten,
142
Dem Eigennutz gelingt's, den Vorzug zu erhalten,
143
Der allgemeiner Huld und dem Geschmack gebührt,
144
Der nur die kleine Zahl der besten Seelen rührt.
145
Ein schnöder Eigennutz steht jetzo an der Stelle
146
Des alten Götterschwarms des Himmels und der Hölle.
147
Ihm weiht, ihm opfert sich das menschliche Geschlecht:
148
Sein Tempel ist die Welt, und die Gewalt sein Recht.
149
Als Schöpfer des Betrugs, des Zanks, der falschen Eide,
150
Hat er an Bosheit Lust, und an Processen Freude;
151
Gibt Secten, deren Band oft nur ein Wort zerreißt,
152
Den Groll und Gegengroll, und den Verfolgungsgeist,
153
Und lehrt, aufs irrigste, des Bias Regel fassen,
154
Daß man so lieben soll, als würde man einst hassen.
155
Er bildet, wie er will, Regenten und den Staat,
156
Den Bund und Bundesbruch, die Treu' und den Verrath.
157
Vergebens sieht ein Fürst in lehrenden Geschichten
158
Die höchste Schändlichkeit versäumter Herrscherpflichten:
159
Wie niederträchtig schlau und falsch und wandelbar
160
Der eilfte Ludewig, der erste Jacob war;
161
Wie Frankreichs Ständ' und Geld, die Ehre freier Britten,
162
Und Treu' und Glauben oft in ihren Händen litten:
163
Wie glücklich Heer und Reich im dritten Eduard,
164
Wie groß, auf Valois Thron, der vierte Heinrich ward.
165
Die suchten Glück und Ruhm auf königlichen Wegen,
166
In Siegen ohne Wuth, in ihrer Länder Segen.
167
Hat ihn der Himmel nicht mit seltner Kraft versehn,
168
So wird er nur zu schwach Versuchern widerstehn.
169
Der Hoheit Selbstbetrug vereitelt seine Güte,
170
Der Schmeichler Hinterhalt umzingelt sein Gemüthe,
171
Nennt Unterdrückung Ernst, und Macht das höchste Gut,
172
List Klugheit, Leichtsinn Witz, und Kriegssucht Heldenmuth,
173
Verschwendung güldne Zeit, der Sitten Blendwerk Tugend,
174
Und alte Lüsternheit des Fürsten neue Jugend.
175
So meisterlich erstickt der Sklaven Redekunst
176
In der Monarchen Brust den Keim der Menschengunst,
177
Und raubt Gewaltigen das schönste Glück auf Erden,
178
Zu lieben, wie man soll, und so geliebt zu werden.
179
Der Sitz geheimer Noth und öffentlicher Pracht,
180
Der Hof ist nicht der Ort, der Freundschaft herzlich macht;
181
Wo gleich gefährlich ist, auf steiler Würde Spitzen,
182
Zu wenig und zu viel Verdienste zu besitzen,
183
Wo (nur in Deutschland nicht) ein gaukelnder Bathyll
184
Den Staat regieren hilft, wann er nicht tanzen will,
185
Lebendige Pantins von lächerlichen Gaben,
186
Durchs Recht der Aehnlichkeit, die größten Gönner haben,
187
Und jede Leidenschaft sich tausendfach verbirgt,
188
Ein Todfeind uns umarmt und in Gedanken würgt,
189
Und die Geschicklichkeit, im Loben selbst zu hassen,
190
Die Unschuld lockt und stürzt, die sich auf sich verlassen;
191
Dort dankt man seinem Freund, und dort vertritt man ihn,
192
Wie den Valer Vitell, den Armand Mazarin.
193
Die Einfalt der Natur, die Hof und Stadt entbehren,
194
Der wahren Eintracht Lust, der wahren Liebe Zähren,
195
Das wesentliche Glück, frei, und nicht groß zu sein,
196
Verherrlichen das Feld, und heiligen den Hain.
197
O Land! der Tugend Sitz, wo zwischen Trift und Auen
198
Uns weder Stolz noch Neid der Sonne Licht verbauen,
199
Und Freude Raum erblickt; wo Ehrgeiz und Betrug
200
Sich nicht dem Strohdach naht, noch Gift dem irdnen Krug;
201
Wo Anmuth Witz gebiert, und Witz ein sichres Scherzen,
202
Weil niemand sinnreich wird, um seinen Freund zu schwärzen;
203
Wo man nie wissentlich Verheißungen vergißt,
204
Und Redlichkeit ein Ruhm, und Treu' ein Erbgut ist,
205
Wie in Arcadien. Erkauft das Gold der Reichen
206
Sich Freunde solcher Art, die rechten Hirten gleichen?
207
Nie hätte Cäsars Macht ein Meuchelmord erhöht,
208
Wär' an dem krummen Nil der König ein Damöt,
209
Wär' ein Pompejus dort nur ein Menalc gewesen,
210
Als er des Pharos Strand zur Zuflucht sich erlesen.
211
Doch im erwies man nicht die so verdiente Huld.
212
Nur seine Größe war an seinem Tode Schuld.
213
Und so sprach Theodot: »Die Einfalt steter Treue,
214
Der gute, blinde Trieb stürzt in Gefahr und Reue.
215
Gab deinem Vater gleich Pompejus Reich und Thron;
216
So fesselt diese Gunst nicht den beglücktern Sohn.
217
Der Ruhm vergalt die That. Soll er uns dankbar finden,
218
So muß der Held nicht fliehn, so muß er überwinden.
219
Doch ihn verläßt das Glück; es eilt dem Cäsar nach:
220
Und gegen diesen, Herr, sind wir und er zu schwach,
221
Der väterliche Freund. Willst du ihn nur entfernen,
222
So kann er mit der Zeit sich römisch rächen lernen;
223
So ahndet Cäsar selbst, zum Schrecken aller Welt,
224
Daß ihm mein König nicht den Gegner dargestellt.
225
Er sterbe! Nur dein Heil, nur dich muß man betrachten:
226
Dem Sieger müssen wir den großen Flüchtling schlachten.«
227
So klügelt ein Verstand, der eigennützig denkt,
228
Den keiner Tugend Wink in seinen Schlüssen lenkt:
229
Allein, wie muß er oft, zu seiner Schmach, erfahren,
230
Daß Freundschaft, Dank und Pflicht nie leere Wörter waren!
231
Wie schwer empfindet oft die Ungerechtigkeit
232
Die eiserne Gewalt zu schneller Ahndungszeit!
233
Kann auch ganz Asien den Theodot verstecken?
234
Nein! Brutus findet ihn, die Strafe zu vollstrecken.
235
Wie ruhig ist ein Herz, das seine Pflichten kennt!
236
Das jede seine Lust, wie seine Richtschnur, nennt!
237
Von ihm, und nur von ihm, wird Freundschaft recht geschätzet,
238
Die, wahrer Dichtkunst gleich, so bessert, als ergötzet.
239
Im Stande der Natur, als, zu der Menschen Ruhm,
240
Noch keine Herrschaft war, kein Rang, kein Eigenthum,
241
Da wollte die Vernunft, und selbst die Triebe wollten,
242
Daß wir gesellig sein, daß wir gefallen sollten;
243
Dann war, zu gleichem Glück, im menschlichen Geschlecht
244
Der Zweck gemeinschaftlich, und allgemein das Recht,
245
Dann schmückten jeden Tag die Freiheit und der Friede.
246
Wer wird, wo diese sind, des längsten Lebens müde?
247
Als aber Stolz und Neid den frechen Schwung erhub,
248
Gewalt das Recht bestürmt', und List es untergrub,
249
Als Krieg und Raub und Wuth der Schwächern Brust zerfleischte,
250
Und vieler Sicherheit auch vieler Bund erheischte:
251
Ward die Geselligkeit, die erste Zuversicht
252
Der neu-erschaff'nen Welt, ihr immer mehr zur Pflicht.
255
So ist das Morgenroth, dem Nacht und Schwermuth weicht,
256
Der Anfang eines Lichts, dem nichts an Wirkung gleicht,
257
Doch nur ein schwaches Bild der Kraft, der Pracht, der Wonne,
258
Der milden Göttlichkeit der vollen Mittagssonne.
259
Es stammt die Freundschaft nicht aus Noth und Eifersucht:
260
Sie ist der Weisheit Kind, der reifen Kenntniß Frucht,
261
Ein Werk der besten Wahl, und kann nur die verbinden,
262
Die in der Seelen Reiz die größte Schönheit finden.
263
Der Vorzug des Gemüths, nur die Vollkommenheit
264
Macht uns der Liebe werth, nicht blos die Aehnlichkeit.
265
Wenn schwarze Laster sich mit gleichen Lastern gatten,
266
Wer wird der Mißgestalt der Schönheit Ruhm gestatten?
267
Die Ehre der Natur, der innern Sinnen Glück,
268
Die wahre Freundschaft ist der Tugend Meisterstück.
269
Die Neigung, wenn man soll, Ruhm, Güter, Ruh' und Leben,
270
Ohn' Eigennutz und Zwang, für andre hinzugeben,
271
Die ächte Zärtlichkeit, die immer Lust und Schmerz
272
Mit andern willig theilt, kömmt in kein schlechtes Herz,
273
Und Helden, welche wir vor tausend Siegern preisen,
274
Sind Helden, die sich auch, als Freunde, groß erweisen.
275
Ganz Griechenland erhebt, Philippus selbst beweint
276
Die Schaar der Lebenden, die Schlacht und Tod vereint,
277
Und Thebe heilig heißt. Die scythischen Barbaren,
278
Bei denen Luft und Schwert die größten Götter waren,
279
Selbst die errichteten der Freundschaft, im Orest
280
Und seinem Pylades, ein redlich Opferfest,
281
Besangen ihren Ruhm, und stellten in den Tempel
282
Der Abenteurer Bild, und ihrer Treu' Exempel.
283
Der Freundschaft edler Stand prägt Weisen Ehrfurcht ein:
284
Er wird, in andern auch, ihm unverletzlich sein:
285
Und nimmer hat ein Mann von richtigem Gewissen
286
Der Eintracht einen Freund verlockt, entwöhnt, entrissen.
287
Der schadenfrohe Stolz, den dieser Raub erweckt,
288
Verräth ein schwarzes Herz, das nur in Frevlern steckt.
289
Der Herzen Einigkeit, die sich auf Wahrheit gründet,
290
Stets gleiche Tugenden, oft gleiche Sitten, findet,
291
Kennt keinen Eigennutz, der sie zu Diensten treibt,
292
Weil nur des Wohlthuns Lust der Großmuth Ziel verbleibt,
293
So oft wir recht gewählt, und dann mit edlem Willen
294
In des Geliebten Wunsch auch unsern Wunsch erfüllen.
295
So viel gewährt ein Freund, daß auch das Leben nicht
296
Mehr als ein Dasein ist, wenn uns ein Freund gebricht.
297
Ja, stieg ein Sterblicher in die entfernten Sphären,
298
Und sähe Welten selbst, wovon die Räthsel lehren,
299
Und säh', im öden Raum, von Menschen abgewandt,
300
Die Werkstatt der Natur, der Sonnen Vaterland:
301
So würde doch zu bald der Kenntniß Freude fehlen,
302
Träf' er nicht jemand an, ihm dieses zu erzählen.
303
Der langen Einsamkeit gibt alles Ueberdruß;
304
Doch wie verschönert sich Ilissens kleiner Fluß,
305
Des hohen Ahorns Dach, des Achelous Quelle,
306
Der Hauch der Sommerluft, und jede Ruhestelle,
307
Wann dort ein Socrates von unsrer Neigung Pflicht,
308
Von Schönheit, Lieb' und Reiz mit seinem Phädrus spricht!
309
Unmenschlich ist der Trieb, von Menschen sich zu scheiden,
310
Und Timons Bärenstand ist nimmer zu beneiden,
311
Kein Weiser haßt die Welt: auch sie versichert ihn,
312
Uns werd' in einem Freund ein heil'ger Schatz verliehn.
313
Vergnügen und Verdruß darf man ihm frei bekennen,
314
Ihm frei den Gegenwurf geheimster Wünsche nennen,
315
Und alle Fehler selbst mit Zuversicht gestehn;
316
Denn ihm gebührt das Recht, in unser Herz zu sehn.
317
So Fröhlichkeit, als Gram, kann uns die Augen netzen,
318
Sein bloßer Anblick wirkt ein zärtliches Ergötzen.
319
Ja! man verweine nur an eines Damons Brust
320
Die Thränen herber Qual, die Zährchen süßer Lust.
321
Ihm werde nichts verhehlt: er weiß die Kunst, zu schweigen.
322
O schwere Wissenschaft, wie vielen bist du eigen?
323
Ein Kluger will daher, wie selbst ein Bischof meint,
324
Nur Einen Beichtiger, nur Einen Herzensfreund.
325
Der ist es, der uns warnt, so oft wir gleiten wollen,
326
Der uns die Wege zeigt, die wir betreten sollen.
327
Er tadelt, wenn er muß: er lobt uns, wenn er kann;
328
Doch nimmt sein Ausspruch nie den Ton der Lehrer an,
329
Sein Beispiel, wie sein Rath, wird unsre Tugend stützen,
330
Und sein gesetzter Muth wird unsern Namen schützen.
331
Wer meinen Ruhm berupft, stiehlt zwar sich selbst nicht reich:
332
Mich aber stiehlt er arm. Den Freund rührt das sogleich;
333
Sein früher Widerspruch hemmt in den Sittenrichtern
334
Der Zungen wilde Wuth, und macht Pernellen schüchtern.
335
Das süße Vorurtheil, das holder Umgang gibt,
336
Macht, daß man nie zu sehr geprüfte Freunde liebt.
337
Ein Freund wird voller Glimpf des Freundes Fehler tragen,
338
Nur Frost und Falschheit nicht, den Grund befugter Klagen:
339
So wie mein Lipstorp mir, aus Güte, viel erlaubt;
340
Doch nichts, das mir vielleicht Kraft und Gesundheit raubt.
341
Ein bessernder Verweis sollt' immer Dank erwerben.
342
Mit unverdientem Ruhm mag uns ein Schmeichler färben:
343
Der lobt an Lesbien die Demuth und die Treu',
344
Und, vor dem Spiegeltisch, den Haß der Schmeichelei;
345
An Dichtern, ihre Furcht, die Werkchen vorzulesen;
346
An Pächtern, ihr Bemühn für das gemeine Wesen;
347
An Wuchrern, den Geschmack; an Stutzern, Gründlichkeit;
348
An einem jungen Rath, die Staatserfahrenheit;
349
An Schwätzern, den Verstand zu schweigen und zu denken;
350
An Unersättlichen, den Abscheu vor Geschenken;
351
Und darf er Großen sich und seine Schminke weihn,
352
Sie werden Walsinghams, sie werden Mornays sein.
353
Doch läßt der Gleißner bald sein Hohngelächter schallen,
354
Wenn sein Altar versinkt, und seine Götzen fallen.
355
Unwürdig unsrer Gunst, und des geringsten Blicks,
356
Ist der gemeine Schwarm der Heuchler unsers Glücks,
357
Der horcht, und, wenn er ja uns ernstlich klagen höret,
358
Vielleicht die Achseln zuckt, gewiß den Rücken kehret.
359
Allein, wie schätzbar ist ein Herz, das so geneigt,
360
Als es dem Jüngling ward, sich noch dem Greise zeigt!
361
Es gibt uns in Gefahr, wann Feind und Unglück toben,
362
Wo Furcht und Falschheit fliehn, die stärksten Freundschaftsproben.
363
Wie schwingt die Liebe sich durch edlen Muth empor!
364
Wie kömmt ein edler Freund des Freundes Flehn zuvor!
365
Zufrieden, kann er nur mit seinem Beistand eilen;
366
Kaum tröstbar, muß er noch mit seinem Dienst verweilen:
367
Wie zu der guten Zeit, als Monomotapa
368
Ein Beispiel solcher Art in zweien Freunden sah.
369
An Treu', und nicht an Kunst nach Hof-Art liebzukosen,
370
Beschämt ein Schwarzer oft den zierlichsten Franzosen.
371
Der eine Biedermann war mitten in der Nacht,
372
Als alles lag und schlief, voll Unruh aufgewacht.
373
Er lief zum andern hin, pocht' an, und lärmt', und weckte
374
Den trägen Diener auf, der sich fast fühllos streckte.
375
Der Hausherr sann bestürzt dem späten Zuspruch nach,
376
Ergriff sein Schwert, sein Gold, empfing den Freund und sprach:
377
Du pflegst um diese Zeit die Gasse nicht zu lieben;
378
Was hat dich immermehr so eilig hergetrieben?
379
Vielleicht Verlust im Spiel? Sieh meine Börse hier!
380
Gibt's Händel? Laß uns gehn! Trau' meinem Schwert und mir!
381
Doch willst du diese Nacht nicht ohne Kuß beschließen?
382
Gut! meine Sklavin soll sie dir genug versüßen.
383
O nein, versetzt sein Freund: o nein, du hast geirrt.
384
Mich hat ein schwerer Traum erschreckt, und ganz verwirrt:
385
Denn, ach! ich sahe dich in meinem ersten Schlummer,
386
Und dein Gesicht verrieth mir einen seltnen Kummer.
387
Gleich klopfte mir das Herz; da ging ich, ungesäumt,
388
Zu sehen, was dir fehlt, und ob mir falsch geträumt.
389
Mein Bruder, den ich stets mit neuer Freude nenne,
390
An dem ich noch weit mehr, als Brudertreu', erkenne,
391
Ich eigne billig dir der Freundschaft Abriß zu:
392
Wen lieb' ich so, wie dich? Wer liebt mich so, wie du?
393
Du bist, und dieses Lob wirst du umsonst verbitten,
394
Gerecht nach jeder Pflicht, und würdig deiner Sitten.
395
Mein allertheuerster, mein angeborner Freund,
396
Der mit der Höfe Witz das beste Herz vereint:
397
Es kann das reichste Glück mir nichts Erwünschters geben,
398
Als deine Zärtlichkeit, dein Wohl, dein langes Leben.
399
O nahet nicht einmal der holde Tag heran,
400
Da ich dich wiedersehn und froh umarmen kann?