Schreiben an einen Freund

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Friedrich von Hagedorn: Schreiben an einen Freund (1731)

1
Da die gelehrte Welt jetzt recht geschäftig ist,
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Castel die Töne färbt, und Körber Seelen mißt,
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Klim, nach dem Lucian, belebte Bäum' entdecket,
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Wann Hellmund Zeichen merkt, und Jachins Kenner schrecket,
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Und jener offenbart, wie Kunst und Traum und Nacht
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Uns bald zu Königen, bald zu Poeten macht:
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So ist es mir genug, an dich, mein Freund, zu schreiben,
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Genug, nur mir und dir nicht unbekannt zu bleiben,
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Und, wann ein stolzer Fleiß erhabne Lehrer übt,
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Dir, müßig, zu gestehn, was meine Seele liebt.

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Sie wünscht sich nicht gelehrt, und schöpft aus nahen Gründen
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Den glücklichen Geschmack, die Tugend schön zu finden;
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Und will, des Daseins werth, in Trieben nicht gemein,
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Still in Zufriedenheit, und ohne Knechtschaft sein.
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Sie glaubt, das übertrifft den Ruf, den Enkel schenken,
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Die nicht so oft an uns, als wir an sie, gedenken,
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Die, was wir alle noch mit öfterm Dank erhöhn,
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Vielleicht aus Eigensinn, vielleicht mit Recht, verschmähn,
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Und Dichtern, die vorjetzt im Reich der Reime thronen,
20
So wie dem Lohenstein und Hofmannswaldau, lohnen.

21
Du weißt, wie sehr auch mich des Flaccus Kunst gereizt,
22
Der, edlen Griechen gleich, nach nichts als Ruhm gegeizt,
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Und endlich doch begriff, nach Ruhm und Lorbeer streben,
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Sei minder unsre Pflicht, als recht vernünftig leben,
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Den ewig armen Neid, die Vorurteile fliehn,
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Und um den besten Vers nichts seinem Schlaf entziehn.

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So würdig kann er oft das stolze Rom verlassen,
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In Tibur und Tarent die Freiheit zu umfassen,
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Die schöner ist, als Rom. Bald an Mandelens Bach,
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Bald zum Sabiner Hain eilt ihm die Freude nach,
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Und Lust zur Wissenschaft in wesentlichen Dingen;
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Nicht stets von Lalagen dem Walde vorzusingen.
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O nein! er blieb gewiß der Weisheit zu getreu,
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Und sann, und forschte dort, was allen nützlich sei.
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Daheim belehrten ihn die Schriften kluger Alten,
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Der Priester der Vernunft, wie wir das Glück erhalten,
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Und, wann er im Chrysipp den bessernden Verstand
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Nicht edler, noch so reich, als im Homer, befand;
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So zog er, meisterhaft, auch aus der Dichtkunst Lehren,
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Den falschen Lollius, und andre zu bekehren,
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Ward nicht den Musen gram, entwarf auch noch ein Lied,
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Doch öfter schildert' er der Menschen Unterschied,
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Der Laster Selbstbetrug, der Thoren Eigenschaften,
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Der Weisen ächtes Bild, den Reiz der Tugendhaften,
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Und immer kehrt Horaz den täglich schärfern Blick
46
Von Wirbeln eiteln Wahns auf sich, und auf das Glück,
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Und sieht, im Wechselstreit so vieler Hindernisse,
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Daß man, beglückt zu sein, nur nichts bewundern müsse.

49
Wahr ist's: im Widerspruch der Dinge, die geschehn,
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Nicht, aus Unwissenheit, stets neue Wunder sehn,
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Der Tugend edlen Reiz auch in dem Staube kennen,
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Und auch auf Thronen nicht das Laster glücklich nennen,
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Mit schuldigem Genuß des Lebens sich erfreu'n,
54
Den uns bestimmten Tod nicht wünschen und nicht scheu'n,
55
Auch, wann der Donner ruht, den Gott des Donners ehren:
56
Mein Freund, das werden uns Verstand und Weisheit lehren.

57
Stolz, Aberglaube, Zorn, Bewundrung, Geiz und Neid
58
Sind alles, was sie sind, nur durch Unwissenheit:
59
Der Strom der Bosheit quillt aus Wahn und Unverstande;
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Ein Thor sucht blindlings Ruhm im Labyrinth der Schande,
61
Im Müßiggange Ruh, und Zärtlichkeit in Brunst,
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In todten Schätzen Trost, und Heil in Fürstengunst;
63
Verlernt, wann er gefehlt, auch vor sich selbst erröthen,
64
Beugt ungescheut das Recht, und zittert vor Kometen.

65
Die Kenntniß unsers Glücks ist Weisen nur verliehn:
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Die suchet kein Sejan, kein Verres, kein Vatin,
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Kein Pallas, dessen Raub Rom und die Welt gekränket,
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Dem, dankbar, der Senat des Adels Vorrecht schenket;
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Kein karger Alphius, der seinem Wuchrerschweiß
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Der Wälder kühle Lust nicht vorzuziehen weiß!
71
Kein weiblicher Cotill, noch die zu unsern Zeiten
72
Mit Thoren jener Welt oft um den Vorzug streiten.

73
Wie dürftig prangt ein Herr, den nur sein Thron erhebt,
74
Dem jeder nur gehorcht, weil jeder vor ihm bebt!
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Er mag durch einen Wink Provinzen überwinden:
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Und nicht, wie Ammons Sohn, ein Tyrns trotzig finden,
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Im Erz der Schmeichelei der Gott des Landes sein;
78
Der Ehre Heiligthum wird er nicht lang entweihn.
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Verehrt ihn seine Zeit, so denkt die Nachwelt kühner.
80
Vielleicht regieren ihn Gemahl und Kammerdiener,
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Und, lenken diese nicht den königlichen Sinn,
82
So kann's ein Sporus thun und eine Buhlerin.
83
Dann dient die Hoheit nur, sein Laster zu erhellen,
84
Dann wird uns der Monarch den Sklaven nicht verstellen.
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Sobald er andern sich zum Werkzeug übergibt,
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Nach fremdem Abscheu haßt, nach fremder Neigung liebt:
87
So werden Macht und Rang ihn nur beschämen können,
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So sieht man Helden fliehn, und ganze Städte brennen.

89
Locustens würd'ger Freund, gekrönter Wüterich!
90
Du, Nero, quälst die Welt, und jeder Frevel dich.
91
Versuch', im besten Wein, die Sorgen, die dich kränken,
92
Mit glücklicherm Erfolg, als Mütter, zu ertränken!
93
Pracht, Wollust, Ueberfluß verherrlichen dein Mahl,
94
Und Terpnus Spiel ertön' in deinem Speisesaal!
95
Beim wählenden Genuß gehäufter Leckerbissen
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Vergällt dir Speis' und Trank dein Henker, dein Gewissen.
97
Er eilt, unstäter Fürst, dir in dein Schlafgemach,
98
Dir in dein güldnes Haus, dir auf den Schauplatz nach,
99
Und, daß kein Augenblick dein armes Herz erfrische,
100
So wird die Angst dein Gast, und setzt sich mit zu Tische.

101
Ein Weiser untersucht der Hohen Recht und Pflicht.
102
Er kennet beider Zweck und beider Gleichgewicht,
103
Entdecket und belacht der Leidenschaften Blöße
104
Im Schmuck der Eitelkeit, im Aufputz falscher Größe.
105
Bei ihm verjähret nie der Wahrheit altes Recht;
106
Er zieht, nach ihrem Spruch, Epaphroditens Knecht
107
Den Alexandern vor, und hält's für kein Verbrechen,
108
Roms scheinbarem August die Tugend abzusprechen.

109
Gelinder, redlicher und tapfrer, als August,
110
Herrscht, sorgt, und siegt Trajan, der Römer Ehr' und Lust,
111
Er, dessen Vaterhuld Geschicht' und Wahrheit loben,
112
Wie sie ein Plinius und Julian erhoben.

113
Hartlautend ist der Satz, doch mir gewißheitvoll:
114
Wer, was er will, auch darf, will selten, was er soll.
115
Was lehrt mich, einen Stand bewundern oder preisen,
116
Der innre Laster reizt, sich, ungescheut, zu weisen?
117
Da Plato unsern Trieb der Seele Flügel heißt;
118
Wie leicht verfliegt sich nicht ein ungehemmter Geist?

119
Fällt einem Vater schwer, den Sohn recht anzuführen;
120
Was liegt Monarchen ob, die Tausende regieren?
121
Wie oft erleuchtet den der Wahrheit volles Licht,
122
Dem alles sich verstellt, und niemand widerspricht?
123
Der majestätisch irrt, und, was ihm nicht entfliehet,
124
Nur durch die Dämmerung des schwachen Scheins ersiehet?

125
Die Nacht der Schmeichelei, die Fürsten stets umgibt,
126
Erlaubt dem Besten kaum zu wissen, wer ihn liebt.
127
Und, kann die Gleichheit nur den Bau der Freundschaft gründen,
128
Wie wird er einen Freund, statt eines Heuchlers, finden?
129
Der Erbpflicht eisern Joch, ein höllenheißer Eid,
130
Wirkt, knechtisch, Treu und Pflicht, doch keine Zärtlichkeit.

131
Beruft uns an den Hof ein Herr von Legionen
132
Zur Augendienerschaft; wer mag bei Löwen wohnen?
133
Sogar ihr Streicheln schreckt. Der Großen Gunst und Haß,
134
Und räthselhafter Blick macht auch Vertraute blaß,
135
Und kluge Redner stumm wie nicht blos die erfahren,
136
Die beim Domitian in seinem Fischrath waren.
137
Mir scheint der höchste Stand so oft beklagenswerth,
138
Als ihn nur Eigennutz, Furcht und Gewohnheit ehrt.

139
Ihn drücket insgeheim noch eine schwere Bürde:
140
Gleich sind sich Könige, doch nur durch ihre Würde.
141
Wie manchen quälten nicht, im Ueberfluß der Pracht,
142
Die Enge seines Staats, der Nachbarn stärkre Macht,
143
Der Bundgenossenschaft verdächtiges Bezeigen,
144
Und Sorgen, die allein gesalbte Häubter beugen?

145
Ein Gram so hoher Art verschonet dich und mich:
146
Freund! weiser Herzen Glück ist mehr als königlich.
147
Genug! wir wollen nicht Geschicht' und Zeit befragen:
148
Sie dürften uns zu viel von ird'schen Göttern sagen.

149
Kein Weiser nimmt ein Ding als groß und edel an,
150
Wenn der auch edel ist, der es verachten kann,
151
Und Gütern kann er nicht den Vorzug zugestehen,
152
Die wir so vortheilhaft und großmuthvoll verschmähen,
153
Als Würden, Reichthum, Macht. Ein Fürst, der sich gebeut,
154
Ist mehr, als Salomon in seiner Herrlichkeit.
155
Mehr ist mir Braunschweig
156
Der nur beglücken will, der väterlich regieret,
157
Das Recht zur Wohlfahrt macht, Gesetze gibt und hält,
158
Als Spaniens Philipp, der Herr der neuen Welt.

159
Der hocherhabne Stand kann nur in dem entzücken,
160
Dem er zum Mittel dient, die Menschen zu beglücken,
161
Und so bewundert man, im Reiche der Natur,
162
Der Sonne Mild' und Kraft, nicht ihre Höhe nur.

163
Gibt nicht der Länder Flor dem Herrscher Götterfreuden,
164
So ist ein Fürst, als Fürst, mit Recht nicht zu beneiden.

165
Das lehrt uns Hiero, der einen reichen Staat
166
Eilf Jahre lang regiert, und oft gesieget hat,
167
Der seinen Bürgerstand und Königsstand erwogen,
168
Und, als er sie verglich, den ersten vorgezogen.

169
Die Unerfahrnen nur berauscht der Hoheit Wahn,
170
Spricht er, der Sinnen Lust ist für den Unterthan.
171
Der darf, so oft er will, ein jedes Schauspiel sehen;
172
Ich selten, und um mich muß meine Wache stehen.
173
Der Schmeichler Redekunst betäubt mir oft das Ohr:
174
Wann trägt ein freier Mund mir meinen Lobspruch vor?
175
Der Tafel Ueppigkeit wird Großen oft zur Plage:
176
Der Hunger reizt uns nicht: wir schmausen alle Tage.
177
Und, mein Simonides, der Liebe wahre Lust
178
Ist, auch im schönsten Arm, kein Antheil unsrer Brust:
179
Wer kann, selbst im Genuß, den öftern Zweifel heben,
180
Ob man sich wirklich uns, nicht unserm Stand, ergeben?

181
Der Hofbedienten Schwarm, die Pracht und den Palast
182
Gafft nur der Pöbel an; uns sind sie oft verhaßt.

183
Was hilft der Waffen Schutz? Er schreckt erklärte Feinde,
184
Nicht heimlichen Verrath. Kennt ein Tyrann auch Freunde?
185
Bringt nicht, zur Sicherheit auf dem erstiegnen Thron,
186
Ein Sohn den Vater um, der Vater einen Sohn?

187
Ein Haus, ein Landgut kann der Kleinen Habsucht stillen,
188
Da Städt' und Länder kaum der Großen Griffe füllen.
189
Wie selten ist ein Fürst, wie oft der Bürger reich!
190
Der größre Mangel macht den Niedern Hohe gleich.
191
Was braucht ein König nicht? Erschöpft der Schätze Menge
192
Nicht ganzer Heere Sold, und nöthiges Gepränge?
193
Oft schränkt ein Unterthan den schweren Aufwand ein,
194
Und das darf kein Monarch; sonst scheint er arm zu sein.

195
Bedürfniß macht uns kühn: die Noth muß uns erlauben,
196
Dem Golde nachzustehn, und Tempel zu berauben.

197
Wir freveln wissentlich: es schätzt auch der Tyrann
198
Die Tapfersten des Volks, den ächten Biedermann.
199
Er schätzt und drücket sie: er höhnt, und hebt zu Ehren
200
Nur solche, die nicht mehr den Ruf der Freiheit hören.
201
Es dient ihm nicht zur Hut der Eingebornen Schaar;
202
Und was ist sein Trabant? Ein Fremder, ein Barbar.
203
Der Saaten schönster Flor droht ihm mit Unglücksfällen,
204
Denn Ueberfluß macht Muth, und Muth erweckt Rebellen.

205
Jetzt, nun ich König bin, welkt mein beklemmtes Herz:
206
Sonst war mein Umgang treu, gesellschaftlich mein Scherz,
207
Mein Mahl noch unkredenzt, das gleiche Gäste zierten.
208
Wie rauschten Lied und Tanz, als wir uns selbst regierten!
209
Nun scheu' ich oft des Weins verborgene Gewalt,
210
Und den zu sichern Schlaf, als einen Hinterhalt.
211
Volk, Zulauf, Einsamkeit, der Wache Näh' und Ferne,
212
Und welcher Anblick ist's, den ich nicht fürchten lerne?

213
Der Bürger schützet sich, die Freiheit, Hab' und Recht,
214
Mich, wie um Tagelohn, ein feiler Kriegesknecht:
215
Will diesen heut ein Feind, will ihn mein Bruder dingen,
216
So wird er meinen Kopf vielleicht ihm morgen bringen.

217
Du unterscheidest zwar den Menschen und ein Thier,
218
Und Menschen unter sich, nur durch die Ehrbegier:
219
Die Lust, als Oberhaubt, bedient, verehrt zu werden,
220
Erleichtert, wie du glaubst, die Regimentsbeschwerden,
221
Und macht uns Göttern gleich. Doch kein Vergnügen rührt,
222
Sogar die Liebe nicht, wenn es der Zwang gebiert.

223
Vergebens räthst du mir, die Hoheit abzulegen:
224
Mein Freund, das wag' ich nie, der schlimmen Folgen wegen.

225
O könnt' ich Syracus, o könnt' ich mich befrein!
226
Wie schwach ist ein Tyrann! Er darf nichts anders sein.
227
Wie kann er, wenn er will, Gut, Freiheit, Stand und Leben,
228
Dem er sich frech geraubt, bereuend wiedergeben?
229
Die Sorge, die Gefahr, die seinen Thron gepreßt,
230
Verfolgen ihn noch mehr, sobald er ihn verläßt,
231
Er muß sich im Besitz und im Verluste kränken:
232
Tyrannen haben Recht, so oft sie sich erhenken.

233
So spricht ein Hiero, den Unruh' und Verdacht
234
Im Sitze der Gewalt erbarmenswürdig macht.
235
Ihn lehrt Simonides, was seinem Reich vonnöthen,
236
Ihm selbst ersprießlich ist; allein, wer glaubt Poeten?

237
Der Vorzug, den der Stand dem äußern Glück verleiht,
238
Gibt Menschen nicht zugleich die größte Trefflichkeit.

239
Nur der ist wirklich groß, und seiner Zeiten Zierde,
240
Den kein Bewundern täuscht, noch lockende Begierde,
241
Den Kenntniß glücklich macht, und nicht zu schulgelehrt,
242
Der zwar Beweise schätzt, doch auch den Zweifel ehrt,
243
Vollkommenheit besitzt, die er nicht selbst bekennet,
244
Nur edle Triebe fühlt, und allen Alles gönnet,
245
Der das ist, was er scheint, und nur den Beifall liebt,
246
Den seinen Tugenden Recht und Gewissen gibt.

247
O zeige mir den Mann! ihm wünsch' ich nachzuahmen.
248
Ihm geb' ich, ehrfurchtsvoll, die allerschönsten Namen;
249
Die Namen, deren Ruhm mir immer heilig war:
250
Er ist mein Socrates, mein Brocks und mein von Bar.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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