Die Glückseligkeit

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Friedrich von Hagedorn: Die Glückseligkeit (1731)

1
Es ist das wahre Glück an keinen Stand gebunden:
2
Das Mittel zum Genuß der schnellen Lebensstunden,
3
Das, was allein mit Recht beneidenswürdig heißt,
4
Ist die Zufriedenheit und ein gesetzter Geist.
5
Der ist des Weisen Theil. Die Nerven und die Stärke
6
Des männlichen Gemüths sind nicht des Zufalls Werke.

7
Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht groß und klein;
8
Ein Kaiser könnte Sklav', ein Sklave Kaiser sein,
9
Und nur ein Ungefähr gibt, zu der Zeiten Schande,
10
Dem Nero Cäsars Thron, dem Epictet die Bande.

11
Der Pöbel, welcher kaum der Dinge Hälfte kennt,
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Und nur die Schmeichelei des Zufalls Glück benennt,
13
Der Pöbel lebt im Traum, und zeigt in allen Rollen,
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Die seine Wahnsucht spielt, was wir belachen sollen,
15
Gehorcht wie Tigellin
16
Ist Pöbel in dem Staub, und Pöbel auf dem Thron.
17
Grob oder leicht und falsch, stolz oder niederträchtig,
18
Noch blinder als sein Glück, und nie durch Weisheit mächtig.

19
Nur diese findet sich in würdiger Gestalt
20
Bei jeglichem Beruf, in jedem Aufenthalt.
21
Sie dichtet im Homer, gibt im Lycurg Gesetze,
22
Beschämt im Socrates der Redner Schulgeschwätze,
23
Bringt an den stolzen Hof den Plato, den Aeschin,
24
Gehorchet im Aesop, regiert im Antonin,
25
Und kann im Curius sich den Triumph ersiegen,
26
Doch auch mit gleicher Lust die starren Aecker pflügen.

27
Was ist die Weisheit denn, die Wenigen gemein?
28
Sie ist die Wissenschaft, in sich beglückt zu sein.
29
Was aber ist das Glück? Was alle Thoren meiden:
30
Der Zustand wahrer Lust und dauerhafter Freuden;
31
Empfindung, Kenntniß, Wahl der Vollenkommenheit,
32
Ein Wandel ohne Reu' und stete Fertigkeit,
33
Nach den natürlichen und wesentlichen Pflichten
34
Die freien Handlungen auf einen Zweck zu richten.

35
Ist nicht des Weisen Herz ein wahres Heiligthum,
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Des höchsten Guten Bild, der Sitz von seinem Ruhm?
37
Den falschen Eigennutz unordentlicher Triebe
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Verbannt aus seiner Brust die treue Menschenliebe.
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Es quellen nur aus ihr der tugendhafte Muth,
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Der Freunde nie verläßt, und Feinden Gutes thut,
41
Den Frieden liebt und wirkt, der Zwietracht Wildheit zähmet,
42
Und nur durch neue Huld Undankbare beschämet;
43
Der Wünsche Mäßigung wann nichts dem Wunsch entgeht;
44
Die Unerschrockenheit, wann Alles widersteht;
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Der immergleiche Sinn, den Fälle nicht zerrütten;
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Wahrhaftigkeit im Mund, und Wahrheit in den Sitten;
47
Die Neigung, die uns lehrt an aller Wohlfahrt baun,
48
Nicht blos auf unsre Zeit und auf uns selber schaun,
49
Mit eigenen Verlust der Nachwelt Glück erwerben,
50
Und für das Vaterland aus eigner Willkür sterben.

51
In diesem Vorzug liegt, was man nie g'nug verehrt,
52
Der Seele Majestät, der Menschen ächter Werth:
53
Denn Wollust, Reichthum Macht, was Tausende begehren,
54
Das pfleget die Natur auch Thieren zu gewähren.

55
Monarchisch herrscht und schreckt, zu schwächrer Nachbarn Weh,
56
Der Adler in der Luft, der Schwertfisch in der See,
57
Ein königlicher Löw', ein kriegerischer Tieger
58
Ist, Alexandern gleich, ein Haubt, ein Held, ein Sieger,
59
Und waget sich gewiß mit größerer Gefahr
60
An einen kühnern Feind, als dort Darius war.
61
Wird manche Muschel nicht an Schätzen mehr verwahren,
62
Als Polidor verspielt, und Cleons Aeltern sparen?
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Belebt die Buhlerei nicht jeden Sperling mehr,
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Als alle Lüsternheit den traurigen Tiber?
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Es mag ein Sybarit auf weichen Rosen liegen,
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Die leichte Spinne kann sich zehn Mal sanfter wiegen.

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Die siegende Gewalt, die Gabe, reich zu sein,
68
Was Sinnen lockt und übt, hat nicht der Mensch allein.
69
Das kann, in mancher Art, auch ihm Vergnügen bringen:
70
Doch was unsterblich ist, folgt billig bessern Dingen.

71
Ich, ich weiß dieses längst, denkt ein gelehrter Geist,
72
Der nie sich glücklich schätzt, als wann er scharf beweist:
73
Der nicht gemeine Reiz erhab'ner Wissenschaften,
74
Der, lehrt er, und sonst nichts muß an der Seele haften.
75
Ich forsche, was sich stets in jenen Welten dreht,
76
Was Orpheus, Epicur und Brunus ausgespäht,
77
Wie jenes Firmament ein Heer von Sonnen zieret,
78
Ein neuer Stern erscheint, ein alter sich verlieret,
79
Was Flamsteed glücklicher, als Liebknecht, uns entdeckt,
80
Wie weit sich ihre Zahl und ihre Größ' erstreckt.
81
Was auch der Pöbel weiß, kann mich nicht lüstern machen.
82
Ein philosophisch Aug' ergötzen hohe Sachen:
83
Wie jeder Haubtplanet, im Bau der besten Welt,
84
Durch Wirbel reger Luft die Laufbahn richtig hält,
85
Stets um der Sonne Glut elliptisch sich beweget,
86
In dem sonst dunklen Kreis Land, Berge, Wasser heget,
87
Und, unsrer Erde gleich, vielleicht mit Menschen prangt,
88
Die auch Systemata, so gut als wir, erlangt,
89
Und unter denen jetzt, zum Nutzen ihrer Sphären,
90
Vielleicht ein andrer Wolf, ein andrer Newton lehren.
91
Sieht mich die Mitternacht bei meinem Sehrohr wach,
92
So ahm' ich höchstvergnügt berühmten Männern nach:
93
Und so entdeck' ich selbst, was, auch bei wachen Stunden,
94
Ein Deutscher, ja sogar ein Domherr,

95
Freund! wer erkennet nicht den Werth der Wissenschaft?
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Unendlich ist ihr Ruhm, ersprießlich ihre Kraft.
97
Doch sind wir, nach dem Zweck des Schöpfers aller Wesen,
98
Nur, um gelehrt zu sein, zum Dasein auserlesen?
99
Hat nicht an deinem Fleiß und wirksamen Verstand
100
Dein eignes Haus ein Recht, noch mehr dein Vaterland?
101
Wird durch den Sirius, der beim Orion blitzet,
102
Germanien befreit, und eine Stadt beschützet,
103
Der Unschuld Recht geschafft, der Frevelmuth gestört,
104
Die Tugend groß gemacht, der Seele Glück vermehrt?
105
Bestimmst und ordnest du nach der Bewegung Schranken
106
Die sich verklagenden und richtenden Gedanken?
107
Nutzt nicht der grobe Pflug, die Egge mehr dem Staat,
108
Als ihm ein Fernglas nutzt, das dir entdecket hat,
109
Wie von Caßini Schnee, von Huygens weißer Erde
110
Im fernen Jupiter ein Land gefärbet werde?
111
Sah nicht ein Socrates aufs menschliche Geschlecht,
112
Und hatt' er etwa nicht bei seiner Strenge Recht,
113
Die von der Wissenschaft der Sterne nichts behielte,
114
Als was dem Feldbau half, und auf die Schiffahrt zielte?
115
Mich däucht, er gründe sich auf die Erfahrenheit:
116
Das, was uns glücklich macht, sei nicht Gelehrsamkeit.

117
Ja freilich! schreit Gryphin: das Rechnen ausgenommen,
118
Kann keine Wissenschaft und kein Erkenntniß frommen.
119
Allein wer kennet nicht den zählenden Gryphin?
120
Dem keine Staude grünt, dem keine Blumen blühn,
121
Kein Strahl der Sonne spielt, der nur die Sonne liebet,
122
Wann sie den Stier durchstreicht, uns längre Tage gibet,
123
Ihm Holz und Licht erspart: der, ganz erpicht auf Geld,
124
Die Münzer insgeheim für halbe Schöpfer hält,
125
Und nur die Schöpfung ehrt, die aus dem Reichthum stammet,
126
Durch den sein Vater sich, dem Sohn zum Trost, verdammet,
127
Der sich in Erz und Gold bald spiegelt, bald vergräbt,
128
Und, nach der Erben Wunsch, so wie sein Vater, lebt.
129
Erforschung der Natur, das schöne Weltgebäude
130
Sind nicht der Wuchrer Lust, noch grober Seelen Freude.
131
Gryphin bewacht sein Geld: an seiner Seite wacht
132
Ein Menschenfeind, der Geiz, der horchende Verdacht,
133
Der zänkische Betrug, der Meineid im Gewerbe,
134
Der ungestalte Neid, Lust zu des Nachbarn Erbe,
135
Verzweiflung bei Gefahr, und Unempfindlichkeit
136
Bei allen Predigten von Selbstzufriedenheit.

137
O wie beglückt ist der, auf dessen reine Schätze
138
Nicht Fluch und Schande fällt, noch Vorwurf der Gesetze,
139
Der aus dem Ueberfluß, den er mit Recht besitzt,
140
Der Armen Blöße deckt, und ihre Häuser stützt,
141
Die Künstler kennt und hegt, mit seinem Beistand eilet,
142
Und mit gewohnter Hand des Kummers Wunden heilet!
143
Vor ihm verlieren sich die Zähren banger Noth.
144
Die Milde seiner Huld entfernt der Greisen Tod,
145
Zieht ihre Kinder auf, die Väter zu verpflegen,
146
Und wird ein Gegenstand von ihrem letzten Segen.
147
Die Lust an aller Wohl beseelet, was er thut.
148
Es ist sein Eigenthum ein allgemeines Gut.
149
Es überfließt sein Herz, der innre Freund der Armen,
150
Von reger Zärtlichkeit, von göttlichem Erbarmen.

151
Ja! Titus irrte nicht: Der Tag ist zu bereun,
152
An welchem wir durch nichts ein leidend Herz erfreun.
153
Als Bürger einer Welt sind wir dazu verbunden;
154
Verloren ist der Tag, und selten sind die Stunden,
155
Die, wann wir fähig sind, Bedrängten beizustehn,
156
Beim Anblick ihres Harms uns unempfindlich sehn;
157
Wann Mitleid, Lieb' und Huld mit Seufzern sich verschleichen,
158
In enge Winkel fliehn, und dir, an Falschheit, gleichen,
159
Du Rath der Heiligen, die stolze Demuth krümmt!
160
Zunft! die den Brüdern schenkt, was sie den Menschen nimmt:
161
Die mit der frommen Hand, die sich zur Andacht faltet,
162
Nach ihrem innern Licht das Zeitliche verwaltet,
163
Die Jünger feister macht, sonst Alle von sich stößt,
164
Die Nackende bekleid't, Bekleidete entblößt,
165
Nur philadelphisch liebt, in Allem, was geschiehet,
166
So schlau, als Saint-Cyran, den Finger Gottes siehet,
167
Sich für sein Häuflein schätzt, und, falscher Bilder voll,
168
Die Welt ein Babel nennt, dem man nichts opfern soll.

169
Der Allmacht mildre Gunst zeigt sich in jedem Falle;
170
Nichts schränkt ihr Wohlthun ein; ihr Segen strömt auf Alle.
171
Der, dessen kleines Herz, nach klügelndem Bedacht,
172
Das Brod, das er verschenkt, recht schwer und steinern macht,
173
Gleicht Neidern fremden Glücks, die selbst kein Glück verdienen,
174
Verläugnern der Natur und hündischen Gryphinen.

175
Die Baarschaft, die zu sehr an kargen Fäusten klebt,
176
Nur ihrem Hüter lacht, der stets nach mehrerm strebt;
177
Der Reichthum, der vertheilt so vielen nützen würde,
178
Und aufgethürmtes Gold sind eine todte Bürde,
179
Bis sie ein Menschenfreund, den nicht ihr Schein ergötzt,
180
Zu vieler Glück beseelt und in Bewegung setzt.

181
Die Kunst versteht Fatill, der, Großen nachzuahmen,
182
Reichsgräflich kauft und baut, und einen edlen Namen,
183
Nach dem sein Diener oft so edel ist als er,
184
Durch Aufwand edler macht, und zu vergessen schwer.
185
Er lebet ritterlich, und seines Reichthums Quellen
186
Verrauschen schnell und stark, gleich jenen Wasserfällen,
187
Die seiner Gärten Schmelz, durch Kosten eitler Pracht,
188
Weit mehr, als durch Geschmack, berühmt und stolz gemacht:
189
Wo in Cybelens Mund sich Schaum und Strahlen krümmen,
190
Die Liebesgötter spein, und Huldgöttinnen schwimmen,
191
Und in dem Grottenwerk, das eine Fama stützt,
192
Vulcan im Schwall erstarrt, Neptun im Trocknen sitzt.
193
Vielleicht verkleidet er, den Pöbel zu verblenden,
194
Den unbemerkten Geiz in schimmerndes Verschwenden.
195
O nein! der Schmeichler Lob bläht seinen Uebermuth,
196
Und seine Hoffahrt wirkt, was nie sein Mitleid thut.
197
Sein Stolz hilft andern auf, weil sie ihn glücklich nennen,
198
Und ist den Künsten hold, auch ohne sie zu kennen.
199
Er stimmt die Tugenden der spröden Sängerin,
200
Trotz aller Heischerkeit, trotz allem Eigensinn;
201
Bereichert durch den Preis, den er Verdiensten zahlet,
202
Die Nadel, die ihm stickt, den Pinsel, der ihm malet;
203
Und was er andern nicht an baarer Gunst erweist,
204
Das ziehet, der ihm baut, und der ihm niederreißt,
205
Und stets mit blindem Fleiß, sobald er es befiehlet,
206
In Kammern Pflaster setzt, und nur die Säle diehlet.
207
Ihm stellt ins Schlafgemach, das er allein erfand,
208
Die Säulen-Ordnung Rom, Paris die Spiegelwand,
209
Vor der, in hellem Erz und stufenweis' erhöhet,
210
Der lächelnde Fatill auf schwarzem Marmor stehet.
211
Ein flitternd Blumenwerk bebt um des Fensters Fach.
212
Den nahen Pferdestall bedeckt ein kupfern Dach.
213
Nicht weit von diesem ruht, der Baukunst zum Exempel,
214
Auf Pfeilern deutscher Art ein Göttervoller Tempel;
215
So prächtig, daß der Stolz, den Kennern zum Verdruß,
216
Hier nichts der Kunst geweiht, als
217
So offen, daß, sobald der Nord die Zinn erschüttert,
218
Der bange Jupiter mit allen Blitzen zittert,
219
Daß jüngst ein Regenguß Minerven fast verschwemmt,
220
Und daß ein Wiedehopf ... Doch horcht! Der Hausherr kömmt:
221
Er kömmt! Es meldet ihn, und seines Glücks Genossen
222
Das rasselnde Geräusch raschrollender Carossen.
223
Sein Schwemmer fährt vorauf, aus dem der große Mann
224
Sein wichtiges Gesicht den Leuten zeigen kann,
225
Die, wann sie seinen Zug auch nur von weitem hören,
226
Bewundernd stille stehn, und ihn mit Grüßen ehren.
227
Nun sind die Gäste da. Er führt sie allzumal,
228
Nach langem Wortgepräng', in seinen Tafelsaal,
229
Zum wohlschattirten Tisch, wo Trachten seltner Speisen
230
Den fürstlichen Geschmack des theuren Kochs erweisen,
231
Und wo von allen doch den schwulstigen Fatill
232
Kein Reh, kein Ortolan, kein Rebhuhn reizen will.
233
Der Ekel darf ihm gar die frischen Bachforellen,
234
Den gelblich rothen Lachs, den Meerkrebs jetzt vergällen.
235
Ihm, den die saure Last so vieler Schmäuse preßt,
236
Schmeckt nicht die Ananas, noch Tunquins Vogelnest.
237
Warum? Er muß bereits sein hochansehnlich Leben
238
Dem Koch nicht anvertraun, nur Aerzten untergeben.
239
Es überfällt ihn schon mit wüthender Gewalt
240
Der reuerfüllte Schmerz, der Scheinlust Hinterhalt.
241
Der Hunger fliehet ihn, wie er die Arbeit scheuet,
242
Die Reizung bester Art, die jenen Stand erfreuet,
243
Der weidlich sich bewegt, sä't, ackert, erntet, drischt,
244
Gräbt, pflanzet, wässert, walzt, schwimmt, rudert, flößt und fischt.
245
O Glück der Niedrigen, der Schnitter und der Hirten,
246
Die sich in Flur und Wald, in Trifft und Thal bewirthen,
247
Wo Einfalt und Natur, die ihre Sitten lenkt,
248
Auch jeder rauhen Kost Geschmack und Segen schenkt!

249
Was kann sich zum Genuß ein mürber Schlemmer wählen,
250
Wann Kitzel, Schärf und Saft der spröden Zunge fehlen?
251
Dem Habicht, und nicht dir, o Thor, schmeckt der Fasan,
252
Auf dessen Zucht und Hut du so viel Geld verthan.
253
Der feisten Karpfen Satz, die dir nur Ekel brächten,
254
Gebührt mit größerm Fug den weit gesündern Hechten.
255
Schmaus', aber schmaus' im Traum: sonst weist der rege Stab
256
Des strengen Rezio die Speisen von dir ab.
257
Im Traum? Doch ach! die Zeit erweckt dir neuen Kummer:
258
Den Hunger nahm sie dir; sie raubt dir auch den Schlummer.
259
Es schleicht der ächte Schlaf den Federpfühl vorbei,
260
Ist falschen Städtern falsch, und treuen Bauren treu,
261
Und kehrt in Dörfer ein, wo des Gewissens Enge
262
Den Handschlag sichrer macht, als alles Rechtsgepränge;
263
Wo noch des Landmanns Mund, nach Art der alten Welt,
264
Frucht, Molken, Käs' und Schmalz für Haubtgerichte hält,
265
Und, wann sich mit der Nacht die sichre Stille paaret,
266
Die Ruhe gähnend hascht, und schnarchend fest verwahret.
267
Man lieget, wenn noch jetzt das Sprichwort gelten soll,
268
Auf guten Betten hart, auf harten Betten wohl,
269
Und die Erfahrung kann durch manches Beispiel zeigen,
270
Der Schlaf, der güldne Schlaf, sei nicht den Reichsten eigen;
271
Der Arbeit süßer Lohn, die so viel Gutes schafft,
272
Der Schlaf, des Todes Bild, und doch des Lebens Kraft.

273
Gryphin! und du, Fatill! ersieht man in euch beiden
274
Den Zustand wahrer Lust und dauerhafter Freuden?
275
Dem einen raubet Geiz, dem andern Ueberdruß,
276
Durch lächerlichen Wahn, die Mittel zum Genuß;
277
Und beiden kann ihr Geld nichts Trefflichers gewähren,
278
Als jenem, reich zu sein, und diesem, zu verzehren.
279
Den Frieden mit sich selbst, der nimmer dem entsteht,
280
Der durch das innre Glück das äußre Glück erhöht,
281
Das Kleinod kennt ihr nicht. O sollt' euch dieses kränken,
282
Was könnte jenes euch für Trost und Beistand schenken!
283
Hüllt' euch des Schicksals Grimm, der Größre niederschlug,
284
In jenes grobe Wamms, das euer Vater trug,
285
Und sollt' es eurem Gut auch nur die Hälfte nehmen;
286
Euch würd' an Männlichkeit ein Knab', ein Weib beschämen.
287
Nur Tugend, die allein die Seelen wehrhaft macht,
288
Wird durch Gefahr und Noth nie um den Sieg gebracht.
289
Eilt Verres, nach dem Bann, aus seinem Vaterlande,
290
So schwärzt sein Afterglück das Laster und die Schande:
291
Doch ist der starke Held, vor dem Carthago floh,
292
Im Feld, im Capitol, im Elend Scipio.
293
Der Weise hat ein Loos, das seinen Werth entscheidet:
294
Verdienste, wo er gilt, und Unschuld, wo er leidet.
295
Zu seinem Wesen wird vom Zufall nichts entliehn:
296
Recht, Wahrheit, Menschenhuld und Tugend bilden ihn.
297
Er ist, o seltnes Glück! durch eigne Trefflichkeiten
298
Von Vorurtheilen frei, getrost zu allen Zeiten,
299
Im Purpur nicht zu groß, durch Kittel nicht entehrt,
300
Stets edler als sein Stand, und stets bewundernswerth.
301
Er folget der Natur, in deren schönen Werken
302
Wir weder Mangel sehn, noch Ueberfluß bemerken.
303
Er kennt, belacht und flieht mit rühmlichem Entschluß
304
Den geizigen Besitz, den üppigen Genuß,
305
Den irdischen Geschmack. Der Vorzug weiser Sitten
306
Macht alles herrlicher, und adelt auch die Hütten.
307
Gesundheit, innre Ruh, und äußre Sicherheit,
308
Und heiterer Verstand, das ist's, was ihn erfreut.
309
Die Weisheit wählet oft, um diesen nachzugehen,
310
Den niedern Aufenthalt, und nicht umwölkte Höhen.
311
Ist auch ein rauschend Glück von schweren Bürden frei,
312
Und fällt die Wahrheit nicht der alten Fabel bei,
313
Die ehmals Cervius, dem nie kein Märchen fehlte,
314
Dem schlurfenden Horaz vor seinem Herd erzählte?

315
Zur Feldmaus kam einmal die Stadtmaus in den Wald,
316
In ihren dürftigen, gehöhlten Aufenthalt.
317
Hier lebte sie genau, um Vorrath aufzusparen;
318
Allein, weil Wirth und Gast längst gute Freunde waren,
319
Und sie, bei schmaler Kost, doch Gästen reichlich gab,
320
So ging auch dieses Mal nichts der Bewirthung ab.
321
Das lange Haberkorn, als ihrer Ernte Gaben,
322
Die Kichern, die sie sonst, als einen Schatz, vergraben,
323
Halb abgenagten Speck, gedörrter Beeren gnug,
324
Die sie mit eignem Mund ihm jetzt zur Tafel trug,
325
Das bringt sie, um zu sehn, ob nichts sein Maul verführte,
326
Das jeden Bissen nur mit stolzem Zahn berührte;
327
Da unser Hausherr hier auf frischen Spalzen saß,
328
Ihm gern das Beste ließ, selbst Tresp' und Roggen fraß.

329
Wie? hebt der Städter an: kannst du auf diesen Höhen,
330
In diesem öden Wald dich so zufrieden sehen?
331
Stehn, statt der Wildniß, dir nicht Städt' und Menschen an?
332
Zeuch immer mit mir, Freund! wenn ich dir rathen kann.
333
Was ist uns allen mehr, als Sterblichkeit, verliehen?
334
Von dem, was irdisch ist, wird nichts dem Tod entfliehen:
335
Sogar ein Löwe stirbt. Es sterben Groß und Klein:
336
Wir aber schmausen noch. O laß uns fröhlich sein!
337
Leb' immer eingedenk, wie Jahr' und Zeit verfließen.
338
Freund! lebe so wie ich, des Lebens zu genießen.

339
Die Feldmaus, die den Rath sich sehr gefallen läßt,
340
Schickt sich zum Reisen an, und hüpfet aus dem Nest.
341
Sie eilen beide fort, die Stadt bald zu erreichen,
342
Und durch die Mauer sich, bei Nacht, hineinzuschleichen.
343
Den Himmel schwärzte schon die stille Mitternacht;
344
Da kommen diese zwei in einen Sitz der Pracht,
345
In eines Reichen Haus, wo scharlachrothe Decken
346
Des Lagers Helfenbein mit stolzem Glanz verstecken,
347
Und, zum gewünschten Fraß, vom gestrigen Banket
348
Der aufgehäufte Rest in vollen Körben steht.
349
Der Städter, der den Gast auf Purpur hingesetzet,
350
Und alles sucht und wählt, was Tellerlecker ätzet,
351
Läuft emsig, wie ein Wirth, der sich die Mühe kürzt,
352
Und, hurtiger zu sein, sich lustig aufgeschürzt.
353
Er will sich aufwartsam, ja Dienern gleich, erweisen,
354
Und bringet und kredenzt die aufgetragnen Speisen.
355
Die neue Lebensart erfreut die fremde Maus.
356
Wie vornehm ist ihr Sitz! wie köstlich ist der Schmaus!
357
Doch ein Geräusch entsteht, die Thür wird aufgerissen,
358
So daß sich Wirth und Gast urplötzlich trollen müssen.

359
Sie liefen, voller Angst, das Zimmer auf und ab:
360
Allein, was beiden noch ein tödtlich Schrecken gab,
361
War dieses, daß zugleich die großen Hund' erwachten,
362
Und durch das ganze Haus ein stark Gebelle machten.
363
Die Feldmaus zittert zwar, erholt sich doch, und spricht:
364
Ich scheide. Fahre wohl! Dies Leben dient mir nicht.
365
Die Höhl' und jener Wald soll mich, bei schlechten Wicken,
366
In freier Sicherheit, mehr als die Pracht, beglücken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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