Schriftmäßige Betrachtungen über einige Eigenschaften Gottes

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Friedrich von Hagedorn: Schriftmäßige Betrachtungen über einige Eigenschaften Gottes (1731)

1
Herr, dessen Weisheit ewig ist!
2
Herr, der du aller Wesen Quelle,
3
Erhabner als der Himmel bist,
4
Und tiefer als die tiefste Hölle!
5
Wer mißt den Donner deiner Macht?
6
Du breitest aus die Mitternacht
7
Und zählst die Stern' als eine Heerde.
8
Dem Winde gibst du sein Gewicht,
9
Dem Wasser Maß, den Sonnen Licht,
10
Und hängst an nichts die Last der Erde.

11
Der Herr ist Gott. Licht ist Sein Kleid.
12
Er schilt: des Himmels Säulen zittern;
13
Sein Zorn verzehrt, Sein Blitz gebent;
14
Er macht den Weg den Ungewittern.
15
Er hat den Himmel ausgespannt;
16
Aus Seinem Munde kömmt Verstand,
17
Und Weisheit ist Sein göttlich Hauchen.
18
Sein Odem zündet und belebt;
19
Er schaut die Erd' an, und sie bebt;
20
Er rührt die Berg' an, und sie rauchen.

21
Er spricht, so muß ein ganzes Heer
22
Sein ausgesandter Engel würgen.
23
Der Winde Mund erzählt's dem Meer,
24
Das Meer verkündigt's den Gebirgen.
25
Es zittern Berg und Wald und Feld;
26
Es bebt die Veste dieser Welt:
27
Sie kennt der Allmacht schwere Rechte.
28
Ihr Schöpfer ist es, der sich zeigt:
29
Die Sonn' erschrickt; die Erde schweigt;
30
Es zagt das menschliche Geschlechte.

31
Das Schwert des Herrn ist voll vom Blut;
32
Zu Bozra hält der Herr ein Schlachten;
33
In Edom tilget er die Brut
34
Der Rotten, die Sein Wort verachten.
35
Auch Zions Friedensengel weint,
36
Bis Gott sich aufmacht und erscheint;
37
Und Saron ist wie ein Gefilde;
38
Man sieht den Libanon zerhaun,
39
In Basans Triften herrscht nur Graun,
40
Und Carmels Aehre wächst dem Wilde.

41
Die Völker sind zu Kalk verbrannt,
42
Wo, Herr! dein Feuer angegangen.
43
Man rafft Gefangene wie Sand;
44
Die Fürsten lecken Staub wie Schlangen.
45
Es wird der Schlösser wüster Rest
46
Der Straußen Sitz, der Drachen Nest.
47
So wird die leere Stadt zerbrochen;
48
So wird das bange Land beraubt;
49
Des Frevlers Fluch fällt auf sein Haubt,
50
Der Gottes Heeren Hohn gesprochen.

51
Man hört der Hügel Klaggeschrei;
52
Man hört gestäupter Städte Heulen;
53
Man sieht, wie Staub und leichte Spreu,
54
Der Starken Rosse sich vertheilen.
55
Der Heere Wolken sind zerstreut.
56
Es wird ein Sack der Fürsten Kleid.
57
Sein Odem macht ihr Reich zunichte;
58
Und wie ein Weib mit Angst gebiert,
59
So wird das Volk mit Furcht gerührt
60
Vor Seinem Arm und Strafgerichte.

61
Ein Löw', ein junger Löwe brüllt,
62
Und schreckt mit aufgesperrtem Rachen,
63
Den bald der Klauen Beute füllt,
64
Und Blut und Geifer triefend machen.
65
Der Hirten Menge schreit ihn an,
66
Daß Berg und Thal es hören kann;
67
Doch darf in ihre Menge stören?
68
Sie scheucht ihn nicht: er würgt und schnaubt,
69
Und kann mit dem, was er geraubt,
70
Zurück in Wald und Höhle kehren.

71
So sieht man dich, Herr Zebaoth!
72
Mit starkem Grimm herniederfahren.
73
Der Feinde Drohen wird zu Spott,
74
Und Schrecken überfällt die Schaaren.
75
Nun richtet die Gerechtigkeit.
76
Der Herr zieht selber in den Streit.
77
Er selber siegt auf Zions Höhen.
78
Die Hügel fühlen Sieg und Muth.
79
Wie könnte der Egypter Wuth
80
Dem Pfeil der Allmacht widerstehen?

81
Und was hat nicht dein Zorn gefällt,
82
Als du so vieler Tausend Leben,
83
Und deinen Herd und dein Gezelt
84
Den Feinden Salems übergeben;
85
Als Zion selbst in Schutt versank;
86
Als es den Kelch des Jammers trank,
87
In welchen sich dein Grimm ergossen;
88
Als Knechtschaft, Angst und Hungersnoth
89
Und Flamme, Pest und Schwert und Tod
90
Das ausgeführt, was du beschlossen?

91
Verwüstung herrschet überall;
92
Geschrei und Klagen fliehn zum Himmel;
93
Es übertäubt den bangen Schall
94
Der Blutvergießer Mordgetümmel.
95
Ein Mann ersticht sein jammernd Weib,
96
Bricht und zerstückt den todten Leib,
97
Verzweifelnd, mit dem trunknen Schwerte.
98
Er frißt, was er geschlachtet hat.
99
Der Hunger trieb ihn zu der That,
100
Der Hunger, der sein Mark verzehrte.

101
Ein Vater reißt sein saugend Kind
102
Der blassen Mutter aus den Händen.
103
Er mordet; beider Blut verrinnt!
104
Ein Dolch muß beider Leben enden.
105
Er knirscht, verflucht sich tausend Mal,
106
Und nagt sein eignes Fleisch vor Qual,
107
Und stürzt sich in des Tempels Feuer.
108
Dort würgt ein Jüngling seine Braut,
109
Die ihm ihr Pfleger anvertraut,
110
Mit ihrem eignen Hochzeitschleier.

111
Hier thront der Mord mit Blut bespritzt,
112
Auf eiternden, zerfleischten Leichen;
113
Sein wildes Auge glüht und blitzt,
114
Und gibt der schwarzen Freude Zeichen.
115
Hier ist sein gräßlicher Triumph;
116
Hier sieht und zählt er jeden Rumpf
117
Mit einem höllischen Ergötzen.
118
Hier hält er nach dem Metzeln Ruh;
119
Sein Jauchzen ruft den Geiern zu,
120
Die schnell sich auf die Aeser setzen.

121
Herr, wer erhebt, wie du, die Hand?
122
Wer darf mit dir, o Richter! rechten?
123
Wer thut den Kräften Widerstand,
124
Die Juda, so wie Assur, schwächten?
125
Dem Arm, der Könige zerschmeißt,
126
Die Bande Seines Volks zerreißt,
127
Und die Gewaltigen zerschläget?
128
Dem Herrn, der nur die Stolzen beugt,
129
Den Frommen Seine Wege zeigt,
130
Und sie auf Adlers Flügeln träget?

131
Allein, was ist der Mensch vor dir,
132
Daß du, o Herrscher! sein gedenkest?
133
Was ist dies Land? und was sind wir,
134
Die du mit Wollust reichlich tränkest?
135
Es ist vor dir der Welten Bau
136
So wie ein Tropf vom Morgenthau,
137
Du Meer der Wunder und der Wonne!
138
Es ist, in Ansehn deines Lichts,
139
Die Sonne selbst ein Punkt, ein Nichts:
140
Nur Gott, der Herr, ist Schild und Sonne.

141
Gott unsrer Väter und ihr Ruhm,
142
Held, Ueberwinder und Gebieter,
143
Du Heiliger im Heiligthum,
144
Erbarmer, Vater, Menschenhüter!
145
Was dort dein Mund zur Wittwe spricht,
146
Das mitleidvolle: Weine nicht,
147
Das sprichst du noch, du Gott der Treue!
148
Und deinen Zorn entwaffnet oft
149
Ein Seufzer deß, der auf dich hofft,
150
Und eine Zähre wahrer Reue.

151
Das Gute kömmt aus deiner Hand.
152
Du krönst das Jahr mit deinem Segen.
153
Durch dich befruchtet sich das Land,
154
Und dürre Furchen tränkt dein Regen.
155
Wie ist des Schöpfers Bild so schön!
156
Sein Himmel, Seine Wolken stehn
157
So fest wie ein gegoss'ner Spiegel!
158
Die Auen sind an Aehren reich.
159
Man jauchzet und besingt zugleich
160
Der Anger Reiz, die Lust der Hügel.

161
Der Himmel und die Erd' ist dein,
162
Und Alles lebt von deinen Gaben.
163
Du heißest Wüsten fruchtbar sein,
164
Und sättigst auch die jungen Raben.
165
Nichts setzet deinem Rath ein Ziel.
166
Du schenkst das zarteste Gefühl,
167
Der Größen Wissenschaft den Spinnen.
168
Du lehrst dem Storch die Reisezeit,
169
Du gibst der Ameis' Emsigkeit,
170
Den Bienen Reich und Königinnen.

171
Wo findet sich der Weisheit Bahn?
172
Und wo ist des Verstandes Stäte?
173
Wer thut, was Salomo gethan,
174
Und sucht sie eifrig im Gebete?
175
Ihr, deren Dünkel Alles mißt,
176
Trefft das kaum, was auf Erden ist:
177
Wer will des Höchsten Himmel kennen?
178
Wir sehn in Seinem Licht das Licht.
179
Den hohen Augen glückt es nicht,
180
Das Wesen von dem Schein zu trennen.

181
Es ist ein endlicher Verstand
182
Mit Wahn und Dunkelheit umfangen,
183
Eh' er, o Wahrheit! dich erkannt
184
Und ihm dein Leitstern aufgegangen.
185
Wie wirst du doch so oft verfehlt,
186
Wann Ungewißheit lange wählt,
187
Und endlich dich zu finden glaubet!
188
Bis dir der helle Sieg gelingt,
189
Der durch des Irrthums Blendwerk dringt,
190
Und ihm Gewalt und Nebel raubet.

191
Wie, wann ein Wandersmann verirrt,
192
Wann Nacht und Schatten Alles decken;
193
Wann Furcht und Zweifel ihn verwirrt,
194
Und die Erschrock'nen andre schrecken:
195
O wie lacht dem das erste Licht,
196
Das aus den grauen Wolken bricht,
197
Und uns den rothen Morgen zeiget!
198
Ein neuer Lustreiz schmückt die Welt;
199
Die Macht der Finsternisse fällt,
200
Und Glanz und Muth und Freude steiget.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Hagedorn
(17081754)

* 23.04.1708 in Hamburg, † 28.10.1754 in Hamburg

männlich

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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