Vertraute Quelle! die du mir in mein Lied

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Michael Denis: Vertraute Quelle! die du mir in mein Lied Titel entspricht 1. Vers(1764)

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Vertraute Quelle! die du mir in mein Lied
2
Schon öfter stimmtest, Quelle! wie gäh bedeckt
3
Ein kühner West mit falben Blättern
4
Deine gekräuselte Silberfläche!

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Zu welcher Ahnung weckt mich ihr schneller Fall!
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Sind dieß die Blätter, welche der Lenz gebahr?
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Des Haines Zier, des Müden Schatten
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Waren sie! – sind nun ein Spiel der Winde.

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Gedanke! mächtig füllst du die Seele mir!
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Sie fleußt mir über! Sterbliche! Sterbliche!
11
So fallen wir! In diesen Blättern
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Schwimmt mir der Menschlichkeit Loos vor Augen.

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Entwölkt bestralt uns jetzo des Glück's Planet.
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Der West des Ruhmes kühlet und hebet uns.
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Uns tränkt ein Thau von Lebensfreuden.
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Glückliche Blätter! und nun! – Wir fallen!

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Nicht Glanz der Ahnen, Wiegen, die Purpur deckt,
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Nicht Lenz des Alters, wenn ihn die Schönheit auch
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Mit allen Künsten unterstützet,
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Bittet den kommenden Tod zurücke.

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Ihm stockt die Weisheit, lallt die Beredsamkeit,
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Der Muth erblaßt ihm. Hoher Trophäen Stolz
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Beginnt vor ihm in Schutt zu sinken;
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Kronen erbeben und Throne wanken.

25
Du selbst, o Tugend! alles Vermögende!
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Du selber rettest deine Verehrer nicht!
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Der Staub des Böswichts und des Frommen
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Mischet sich unter des Wandrers Tritten. –

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Noch heute saß Er, erster Monarch der Welt
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Der besten Gattinn zärtlichstes Augenmerk,
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Umgeben von geliebten Kindern,
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Würdig Aeonen hinan zu leben.

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Noch tönten Hymens Lieder ihm sanft ins Ohr,
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Und plötzlich röcheln Töne des Tod's darein.
35
Sein Tag verlischt. Zum letztenmale
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Segnet sein brechender Blick die Völker. –

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Noch heute sah dein sittsames Augenpaar
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Den Reiz des Herbstes, Bester der Jünglinge
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Im frohen Haufen gleicher Freunde
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Zog dich die Liebe zur Jagd ins Grüne.

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Da flog dein Unglück. Ach, du versahst es nicht!
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Ein Bley! Die Schöpfung wurde zur Nacht um dich,
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Und eines deiner holden Augen
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Schloß sich in ewige Finsternisse.

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Gewiß des Grabes wallen wir, ungewiß
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Der schwarzen Stunde. Menschen! kein Augenblick
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Ist seines Folgers Bürge. Nebel
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Schweben auf jeglicher Spur der Zukunft.

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O glücklich, welcher seine Bestimmung denkt,
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Ein Theil des Ganzen willig die Stelle füllt,
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Zu der ihn Jener auserwählte,
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Welcher ihn aufschuf und liebt und lohnet!

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Er zählt sich sorgsam jeden der Tage vor,
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Und jeder sieht ihn besser und ähnlicher
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Dem unerschaffnen Muster, jeder
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Glänzet bezeichnet mit Menschenliebe.

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Erscheint der Abend, giebt er sich Rechenschaft,
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Und scheut den Zeugen seiner Gedanken nicht,
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Und spricht vergnügt zu sich: »Ich lebte!
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Schlummer! umwalle mein Aug'! Ich lebte!«

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Zu folgen willig, wann die Natur gebeut,
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Schon lange Freund des Todes, erwartet er
63
Mit sich'rem Lächeln jene Stunde,
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Welche zu seiner Entbindung eilet.

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Der weise Kaiser, welcher ein irden' Rom
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In stolzen Marmor prächtig verwandelte,
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Sprach, als der Augenblick des Scheidens
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Nahte, zum Ohre bethränter Freunde:

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»vertraute! sagt mir: hab' ich sie wohl gespielt
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Die Rolle meines Lebens?« Sie seufzten: »Ja!«
71
»so klatschet!« rief er, schloß den Vorhang,
72
Athmete sanfter, und schied zufrieden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Michael Denis
(17291800)

* 27.09.1729 in Schärding, † 29.09.1800 in Wien

männlich, geb. Denis

österreichischer Jesuit, Autor, Übersetzer, Bibliothekar und Zoologe(1729–1800)

(Aus: Wikidata.org)

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